HORST HRUBESCH zählt zu den besten Mittelstürmern seiner Zeit und ist dem Fußball auch nach der aktiven Karriere erfolgreich verbunden geblieben. Über eine lebende Legende, die immer wieder zum Höhenflug ansetzte und dabei nie die Bodenhaftung verlor.

Mit einer Körper­größe von 1,88 Metern für einen Fußballer aus seiner Zeit fast schon riesig ge­wachsen, das Kreuz breit wie ein Kleider­schrank, die Ober­schenkel kräftig wie Baum­stämme, dazu dieser besondere Instinkt, das soge­nannte „Näschen“ fürs Tore­schießen – Horst Hrubesch war ein Mittel­stürmer in seiner Urform, eine Natur­gewalt, die Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre zu den besten Neunern der Welt zählte.

134-mal netzte Hrubesch in 212 Pflichtspielen für den Hamburger SV ein – 58-mal mit rechts, sechs­mal mit links und sagen­hafte 70-mal mit dem Kopf. Der Kopf­ball war seine größte Stärke und verlieh ihm bereits früh, genauer gesagt schon Anfang seiner Zwanziger beim Hammer Stadt­teil­verein SC West­tünnen, seinen einzigartigen Spitz­namen: das „Kopf­ball­unge­heuer“. Als dieses sollte Hrubesch später der Konkurrenz aus der Welt des nationalen sowie interna­tionalen Fuß­balls das Fürchten lehren: Europapokalsieger der Landes­meister (1983) und Deutscher Meister (1979, 1982, 1983) mit der Raute sowie Europa­meister (1980) mit dem Adler auf der Brust – der kräftige Mittel­stürmer aus Hamm verstand es, nicht nur die Maschen des gegnerischen Tor­netzes wuchtig zu zer­schießen, sondern auch die größten und zu­gleich schwersten Pötte der Fuß­ball­geschichte in den Himmel zu strecken. Hrubesch firmierte zu seiner aktiven Zeit als Mittel­stürmer der Super­lative, den der nicht minder große Zinedine Zidane einmal als „größten Kopf­ball­spieler aller Zeiten“ bezeichnete. Zu­gleich verlor die Natur­gewalt bei all dem Über­irdischen nicht ihre Natürlich­keit und bei all den Höhen­flügen nicht ihre Boden­haftung.

Verantwortlich dafür zeichnet nicht zuletzt seine Mutter Luise. Am 17. April 1951 in Hamm geboren und ebenda aufgewachsen, ist Horst vor Ulla (*1953), Herbert (*1955), Gilla (*1957) und Nachzügler Jürgen (*1964) das älteste von fünf Kindern im Hause Hrubesch. Wohlge­merkt mit eindeutig vorge­lebten Normen und Werten seitens seiner Mutter. „Sie hat sich immer gegen sich und für uns Kinder entschieden. Ich weiß nicht, was aus uns geworden wäre ohne sie“, sagt Hrubesch, der schon mit 13 Jahren der „Mann im Haus“ ist, als sein Vater die Familie verlässt. Seine Schwester Ulla erinnert sich: „Horst hat früh die Rolle des Ältesten ange­nommen. Er opferte sich nicht auf wie Mama, aber er ging voran und hatte uns alle im Blick.“

Vorangehen, anpacken oder „machen und tun“ – wie er heute so schön zu sagen pflegt – ist schon in frühen Jahren Hrubeschs Credo. Und zwar auf und abseits des Platzes. Kein Wunder, dass er sich als Jugendlicher auch im zweiten großen Volks­sport der Deutschen, dem Hand­ball, ausprobiert und noch heute davon schwärmt: „Das ist ein richtig geiler Sport – es ist eng, es ist kompakt, es ist Körper­kontakt.“ Körperliche Anstrengung, die steht auch abseits des Platzes im Fokus: Eine Lehre zum Fliesen­leger muss Hrubesch wegen einer Zement­allergie vorzeitig abbrechen, die zweijährige Lehre zum Dach­decker zieht der Volks­schul-Absolvent dann aber eisen­hart durch und schlussfolgert noch heute: „Es prägt, wenn du weißt, was Arbeit ist. Ver­glichen damit ist ein Job im Fuß­ball para­diesisch.“

Arbeit ist zugleich auch beim Fuß­ball sein Stich­wort. Hrubesch, der auf dem Bolzplatz wie Idol Uwe Seeler sein will, dessen Spiel­weise aber nur aus dem Radio kennt, arbeitet diesen Sport. Er ist kein Schön­spieler, kein filigraner Techniker, aber ein unnachgiebiger Besser­werder. Eben ein Brecher, der selbst nicht zu brechen ist. So verwundert es auch nicht, dass die Fuß­ball­lauf­bahn des Blond­schopfs erst etwas verzögert an Fahrt aufnimmt, letztlich aber in einem Format von Weltklasse endet. Angefangen in der Jugend beim 1. FC Pelkum geht’s über Germania Hamm, die Hammer SpVg und den SC West­tünnen erst mit 24 Jahren in den Profifußball. Doch beim damaligen Bundes­ligisten Rot-Weiss Essen stellt Hrubesch gleich in seiner Premieren­saison 1975/76 mit 18 Treffern seine Tor­jäger­qualitäten unter Beweis. Zwei weitere Spiel­zeiten im Herzen des Ruhr­gebiets folgen, darunter seine ful­minante Saison 1977/78, als er mit 42 Toren einen bis heute uner­reichten Zweit­liga-Rekord aufstellt.

Im Sommer 1978 ist dann eigent­lich schon ein Wechsel zu Ein­tracht Frankfurt fix. Doch die Hessen halten sich nicht an die mündliche Absprache, mit der Verkündung des Transfers bis nach den Essener Relegations­spielen gegen Nürn­berg zu warten. Hrubesch – ein Mann, ein Wort – ist darüber so verärgert, dass er seine bereits getätigte Vertrags­unterschrift als nichtig ansieht. Der HSV mit Manager Günter Netzer grätscht in diese Gemenge­lage rein und schafft es tatsächlich, den begehrten Torjäger zugunsten einer Entschä­digung in Form eines „Ablöse­spiels“ mit einer Garantie­summe von 250.000 Mark noch aus Frankfurt nach Hamburg zu lotsen. Der Rest dieser zuge­gebener­maßen fast märchenhaften Erzählung ist Geschichte, denn Hrubesch und der HSV sowie Horst und Hamburg passen – nach kleineren Anlauf­schwierig­keiten – wie das Fisch­brötchen zum Norden. Es folgen von 1978 bis 1983 fünf Jahre voller Titel, Tore und Triumphe.

In diesen fünf Jahren HSV liefert Hrubesch un­zählige Momente für die Ewig­keit: Unfass­bar viele wichtige Tore – allein 38-mal erzielt er das 1:0, 37-mal das Sieg­tor, darunter unver­gessen das legendäre 4:3 im April 1982 im Münchner Olympia­stadion (siehe Foto). HSV-Fans sehen ihn noch heute bei seinen Toren jubeln. Und zwar mit seiner stracks einfach ge­haltenen und doch so un­verwechsel­baren Jubel­pose: Lächeln im Gesicht, dazu der erhobene Zeige­finger oder die ausge­streckte Faust. Ein typischer Hrubesch, frei geraderaus. So sprach er auch und füllte damit gefühlt gleich ein ganzes Buch an Fußball­zitaten: „Ich brauch’, glaube ich, nur dieses eine Wort sagen: Herz­lichen Dank!“, „Manni Banane, ich Kopf – Tor!“ oder „Da hab ich gedacht, ich tu’ ihn ihm rein in ihm sein Tor“, um nur einige zu nennen.

Diese ihm selbst so natürlich gebliebene Art war es dann auch, die Hrubesch’ Karriere nach der Karriere ausmachte. Nach weiteren Spieler­stationen bei Standard Lüttich (1983-85) und Borussia Dortmund (1985-86) und nicht immer erfolgreichen Stationen als Trainer beim VfL Wolfsburg, FC Swarovski Tirol, Hansa Rostock, Dynamo Dresden, FK Austria Wien und Samsunspor geht’s zur Jahr­tausend­wende zum Deutschen Fuß­ball-Bund (DFB). Ein Jackpot für beide Parteien. Denn hier prägt Horst Hrubesch in verschiedenen Funktionen über 18 Jahre eine Ära, die sich wie ein zweites Vermächt­nis anfühlt.

Als Nach­wuchs­trainer formt er zahl­reiche National­spieler. Nahezu jeder Hoffnungs­träger des deutschen Fußballs geht dabei durch die Hände des Talent­schmieds, der bei der U19-Europa­meister­schaft 2008 in Tschechien und bei der U21-Europa­meister­schaft 2009 in Schweden als Bundes­trainer mit der DFB-Aus­wahl jeweils den Titel gewinnt und bei den Olympischen Sommer­spielen 2016 die Silber­medaille holt. Unvergessen die Sieger­mann­schaft von 2009 um die späteren Welt­meister Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira, Manuel Neuer und Mesut Özil.   

Hrubesch, Anfang der 2000er fast 50 Jahre alt und gegen Ende seiner DFB-Amts­zeit auf die 70 zugehend, punktet dabei trotz oder eben wegen des großen Alters­unter­schieds bei der jungen Generation. Wegen seiner Vita und Erscheinung eine absolute Respekts­person, sieht er immer auch den Menschen hinter dem Sportler. Für nicht wenige Nach­wuchs­kicker nimmt er gar eine väter­liche Rolle ein, und aus­nahms­los alle schwärmen bis heute in höchsten Tönen von ihrer Zeit bei „Horst“ oder „Herrn Hrubesch“. Denn auf das Wort des Langen konnten sie sich verlassen, auch wenn dieses ab und zu wehtat. Schön­malerei war nie Hrubesch’ Marken­zeichen. Ein Mann, ein Wort. Bei ihm gab’s nichts als die nackte Wahr­heit. Und zwar immer und ohne Schleife. Mittel­stürmer Sandro Wagner kann ein Lied davon singen: Im U21-EM-Finale 2009 legt er im ersten Durch­gang einen Pass mit der Hacke statt der Innen­seite auf und bekommt dann in der Halbzeit von Hrubesch Folgendes zu hören: „Eines sage ich dir, Wagner: Spielst du noch einmal mit der Hacke, töte ich dich, du hast sie ja wohl nicht mehr alle!“ Darauf­hin trifft Wagner doppelt und schießt Deutschland zum EM-Titel.

Es ist eine von unzähligen mittlerweile legendären Anekdoten über den ewigen Nachwuchstrainer des DFB, der seiner Gattin Angelika einst versprochen hatte, dass nach den Olympischen Spielen 2016 Schluss mit dem aktiven Fußball sei. Doch Fußball ohne Hrubesch und Hrubesch ohne Fußball – das funktioniert einfach nicht. Es scheint wie ein naturgegebenes Gesetz. Und das ahnte auch HSV-Vorstand Jonas Boldt, als er die lebende Legende, die zuvor bereits als DFB-Sportdirektor für Hansi Flick sowie als Frauen-Bundestrainer für Steffi Jones eingesprungen und zweimal vom Rücktritt zurückgetreten war, im Sommer 2020 nach 37 Jahren sensationell zu seinem Herzensverein zurückholte.

Seither macht Horst Hrubesch als Nachwuchsdirektor, der 2021 interimsweise sogar nochmal als Cheftrainer der HSV-Profis einsprang, wieder und weiter das, was er am besten kann: vorangehen, anpacken, „machen und tun“. Eine Naturgewalt eben, die nie rastet oder rostet, immer aber weiß, wo ihre Wurzeln sind und der Boden liegt.