Trikot-Fahndung: Wo ist die 9? (1966 am Rothenbaum)
Von Broder-Jürgen Trede
Hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer. Eigentlich. Ich hätte nach der Mitarbeit an der letzten HSVlive-Ausgabe zum Thema „Trainer“ gewarnt sein müssen. Vielleicht etwas vorsichtiger agieren. Erst nachdenken, dann reden. Oder ganz plump: schlechten Empfang vortäuschen. Könnte manchmal durchaus hilfreich sein. Aber man merkt es schon: „eigentlich“, „hätte“, „vielleicht“, „könnte“ – ein bisschen viel Konjunktiv. Stattdessen: Arglosigkeit gepaart mit Neugier, als die bekannte Nummer auf dem Handy-Display aufploppt. „Oh, die Jungs vom HSVlive-Magazin rufen an! Was die wohl wollen?“ Man muss dazu sagen: Die Kollegen machen es ja auch gut. Sie kennen mich. Sie wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, um mich zu kriegen (Und dabei meine ich nicht nur die auf der Tastatur ihres Telefons). „Titelthema der neuen Ausgabe soll der Mittelstürmer werden. Kannst du für uns alle Spieler recherchieren, die jemals die Neun auf dem HSV-Trikot getragen haben?“
»Wir müssen alle unsere Neuner kennen!«
Spätestens ab diesem Punkt – alle HSV-Neuner seit Bundesliga-Gründung– hätten bei mir alle Alarmglocken schrillen, alle Rotlichter blinken müssen. Taten sie aber nur bedingt. „Pi mal Daumen“ ist eher nicht so meine Sache. Vor allem nicht, wenn es um die HSV-Historie geht. Ich warf deshalb ein, dass das alles so leicht nicht sei: „Uwe Seeler hat nicht immer die Neun getragen, und er fehlte ja auch ab und an verletzt. Horst Hrubesch genauso.“ Die Antwort aus dem Volkspark: „Wenn das jemand herausbekommt, dann du!“ Und so hörte ich mich nach kurzem Hin und Her den fatalen Satz sagen: „Wir als HSV müssen den Anspruch haben, alle unsere Neuner zu kennen!“ Am anderen Ende der Leitung kurzzeitige Stille. Vielleicht ein oder zwei Sekunden. In der Ferne bellte ein Hund. Dann: „Ok, so kennen wir dich, auf geht‘s!“ Verflixt! Meine Ansage – eine fatale Mischung aus tiefer innerer Überzeugung und journalistischem Größenwahn. Auf jeden Fall, so viel stand für mich bereits drei Millisekunden nach dem Auflegen fest, ein ganz klarer Fall von: Leichter gesagt als getan.
Wie alles begann … Die HSV-Bundesliga-Pioniere am 24. August 1963 im Preußen-Stadion zu Münster und ihre „Start“-Nummern (v.l.): 6 (Kapitän Dieter Seeler), 1 (Torwart Horst Schnoor), 3 (Jürgen Kurbjuhn), 10 (Ernst Kreuz), 5 (Hubert Stapelfeldt), 8 (Peter Wulf), 7 (Fritz Boyens), 4 (Willi Giesemann), 2 (Gerhard Krug), 9 (Uwe Seeler), 11 (Charly Dörfel).
Ein 2033-Teile-Puzzle
Und tatsächlich: Die Suche nach den HSV-Neunen entpuppte sich schon bei den ersten Stichproben als knifflig. Kategorie: Stecknadel im Heuhaufen. Oder besser gesagt: Trikot im Wäscheberg. Mir schwante: ein ziemlich großer Wäscheberg. Ich fragte mich zunächst: Wovon reden wir hier? Um wie viele Fälle geht es genau, wenn wir von allen Meisterschaftsspielen ab Bundesliga-Gründung sprechen? Also, kurz zusammengerechnet: 1866-mal Bundesliga von 1963 bis 2018, dazu sechs Relegationsspiele und bis zum Redaktionsschluss nach dem aktuellen Heimspiel gegen Holstein Kiel jetzt nochmal 161 Zweitliga-Partien. Macht addiert: 2033 Spiele. Und 2033 potenzielle Neuner.
Oh ha! Diese Zahl musste ich kurz sacken lassen. Mein erster Gedanke: Unmöglich! Seriös nicht zu liefern! Gedanke zwei: geht vielleicht doch! Eine Erinnerung blitzte spontan auf: Als kleiner Butscher, es muss unmittelbar nach meiner ersten bewusst rezipierten Fußball-WM, dem Turnier von 1982 in Spanien, gewesen sein, bekam ich ein Riesen-Puzzle geschenkt. 1500 Teile. Das Motiv: Eine bunte Zeichnung des argentinischen Cartoonisten Guillermo Mordillo, ein Stadion-Wimmelbild mit unzähligen der typischen Knollnasen auf dem Spielfeld und den angrenzenden Tribünen. Ich habe dieses Puzzle geliebt. Und mindestens fünfmal „gespielt“ und fertiggestellt. Beharrlichkeit und Ausdauer waren noch nie mein Problem. Also: Machbar wäre die Nummer schon … Doch wie anfangen? Wo ansetzen? Klar! Genauso wie beim Mordillo-Puzzle: Erstmal den Rahmen abstecken. Die vier Eckteile finden, alle anderen Randteile raussortieren und dann zusammenfügen. Der Rest kommt dann schon. Stück für Stück. Übertragen auf diese Aufgabe bedeutete das, im Fußball-Geschichtsbuch zu blättern: Wie war das eigentlich nochmal genau mit den Rückennummern?
Kleinteilige Puzzle-Arbeit (Mordillo: Footballissimo, ca. 1983): Stück für Stück zum Ziel.
Kleine Historie der Rückennummer
Ich hatte zu diesem Thema zum Glück vor Jahren mal einen Text verfasst. Dessen wichtigste Fakten in aller Kürze: Ihren Durchbruch feierten die Ziffern auf den Spielerrücken beim englischen Cup-Final am 29. April 1933 in Wembley. Zur besseren Unterscheidung für die mehr als 90.000 Zuschauer waren Evertons Kicker von 1 bis 11 durchnummeriert, die von Manchester City von 12 bis 22. Die erste Nummer 9 des Weltfußballs erhielt Dixie Dean, der legendäre Mittelstürmer der „Tofees“ von der Merseyside.
In Deutschland sperrte man sich lange gegen diese Art der Identifizierung – bis zur Saison 1948/49. Viel Aufhebens um die Vergabe der Zahlen wurde zunächst allerdings nicht gemacht. Fast 50 Jahre lang folgte sie dem damaligen taktischen System: 1 = Torwart, 2 und 3 = rechter und linker Verteidiger, 4 und 6 = rechter und linker Läufer, 5 Mittelläufer (später Libero), 7 und 11 = Rechts- bzw. Linksaußen, 8 und 10 = rechter und linker Halbstürmer und 9 = Mittelstürmer. Die Rückennummer war zugleich ein klarer taktischer Auftrag.
Eine kleine „Zeitenwende“ erlebte die Bundesliga dann zur Saison 1995/96. Waren für die Startelf-Spieler bis hierhin zwingend die Leibchen mit den Zahlen 1 bis 11 vergeben worden, gab es nun eine neue Ordnung: Jedes Kader-Mitglied erhielt fortan eine feste Rückennummer, dazu wurde der jeweilige Spielername aufs Trikot geflockt. Gut für die Zeugwarte, noch besser fürs Merchandising. Ex-HSV-Stürmer Richard Cyron war es, der – inzwischen in Diensten der Düsseldorfer Fortuna – am 11. August 1995 in der 2. Minute des Auswärtsspiels bei Werder Bremen das erste Tor der Saison erzielte und den Stadionsprecher im Weserstadion zu der damals völlig ungewöhnlichen Ansage nötigte: „Der Torschütze war der Spieler mit der Nummer 26.“
Auf Zeitreise im Bundesliga-Film-Archiv
Zurück zu meinem Auftrag: Ab 1995 musste ich also nur die jeweils fest durchnummerierten HSV-Kader mit den Aufstellungen abgleichen. War die jeweilige Nummer 9 im Einsatz oder nicht? Aufwendig, aber eindeutig. Stumpfe Fleißarbeit. Wie gesagt: Kein Thema für mich. Check! Haken hinter die zurückliegenden knapp 28 Jahre! Ein Silberstreif am Horizont, durchbrechende Sonne, sich lichtender Nebel! Euphorie, Ehrgeiz: Ich krieg das raus. Ich recherchiere sie alle!
Forsch ran an die übrigen, noch fehlenden Spielzeiten, die Jahre von 1963 bis 1995. Zum Anfang zehn Saisons mit Uwe Seeler, der HSV-Neun schlechthin. Das hilft schon mal. Doch Obacht! Nicht übermütig werden! Wach und kritisch bleiben! Ich wusste ja, dass Seeler ein paar Male anders beziffert war und zeitweilig im Krankenstand weilte. Ich brauchte Belege. Ab ins Film-Archiv der Deutschen Fußball-Liga! Dort sind alle verfügbaren Spielzusammenfassungen aus der Geschichte des bundesdeutschen Spitzenfußballs abgelegt. Ab 1988, als das Privatfernsehen zunächst mit „Anpfiff“ auf RTL, später dann mit „ran“ auf SAT.1 in die Bundesliga-Berichterstattung einstieg, nahezu komplett und manche Partien gar in voller Länge. Sensationell!
Davor wird das Bewegtbild jedoch rar und lückenhaft. In den 1980er Jahren etwa zeigte die „Sportschau“ am Sonnabend in der Regel nur Ausschnitte von drei oder vier der neun Partien eines Bundesliga-Spieltags. Moderatoren wie Ernst Huberty oder Adi Furler drehten dann zu Sendungsbeginn wie bei einer vorgezogenen Ziehung der Lottozahlen kleine Täfelchen um und erklärten dem erwartungsfrohen Zuschauer, welche Duelle denn nun gleich gezeigt würden. Heimspiele des 1. FC Köln, bei denen das Filmmaterial schnell ins Funkhaus des übertragenden Senders WDR gebracht werden konnte, waren dabei meist gesetzt, Übertragungen aus dem Volkspark hingegen eher Glückssache. Als Lückenfüller gab es zum Glück noch das am späten Sonnabend ausgestrahlte „Sportstudio“ des ZDF. Diese alten Zusammenfassungen schaute ich mir an. Alle, die ich finden konnte. Zum Teil sind das auch ganz knappe 30-Sekünder, die für die Nachrichten der „tagesschau“ oder das „heute journal“ produziert wurden. Ein Wiedersehen bzw. z.T. auch nur ein Wiederhören mit den Sportjournalisten meiner Kindheit, Moderatoren wie Dieter Kürten, Bernd Heller und Karl Senne, Reportern wie Rolf Kramer, Wolfram Esser oder Hermann Ohletz und immer wieder gerne der wippende Lockenkopf und die sonore Stimme von Rolf Töpperwien. Eine wunderbare Zeitreise! Aber auch eine echte Zeitfresser-Reise. Mitunter pixelige, ziemlich verschwommene Aufnahmen. Manches musste ich mir mehrfach angucken. Standbild: Ist das die Neun da auf dem Rücken von Horst Bertl? Oder doch die Acht?
Ein mühsames Mosaik. Und ein wohl unvollständiges, wie ich ahnte. Ich stellte mit Bestürzung fest: Von zahlreichen HSV-Spielen existiert gar kein Filmmaterial. Wie sollte ich bloß mein Puzzle fertig bekommen, wenn es die Puzzle-Teile gar nicht gibt? Vor allem die Recherche in den Anfangsjahren der Bundesliga lieferte zunächst nur dürftigen Ertrag. Ein Beispiel: In der Premieren-Saison 1963/64 gibt es im DFL-Archiv für die 15 HSV-Heimspiele genau vier Treffer. Genau genommen sind es eigentlich nur zwei. Das Spiel gegen Eintracht Frankfurt ist doppelt vorhanden, dafür jeweils mit mehr als halbstündiger Dauer. Der Clip für das allererste HSV-Bundesliga-Heimspiel gegen Saarbrücken entpuppt sich als Etikettenschwindel, ein völlig falsch editierter 65-Sekunden-Clip des HSV-Gastspiels der Saison 1964/65 in Neunkirchen. Immerhin: Saarland stimmt. Auswärtsspiele: 16 Treffer, nach Abzug aller Doubletten bleiben davon noch Bilder von zehn Partien. Sprich: Fünf HSV-Gastspiele sind nicht dokumentiert. Stochern im Nebel. Ernüchterung angesichts zu vieler Lücken in meiner Excel-Tabelle mit ihren 2033 Zeilen …
Fundstücke im Keller
Doch Aufgeben? Keine Option! Ich sagte mir: Wenn nicht Bewegtbild, dann eben Fotos. Ich scannte systematisch die großen Datenbanken: Witters mit ganz viel HSV, Horstmüller für Gastspiele tief im Westen, dazu Imago. Hier und da ein Treffer und umjubelter Lückenfüller. Reichte aber alles nicht! Nächste Idee: Ich muss nach ganz unten gehen. Da wo es richtig wehtut. In den Keller meines Hauses. Dort lagert das Sportfoto-Archiv von Hans-Dietrich Kaiser/Nordbild, das ich vor ein paar Jahren erbte. Nahezu alle HSV-Heimspiele bis Mitte/Ende der 1980er Jahre hat Kaiser abgelichtet, dazu manch Auswärtsspiel im Norden. Ich wühlte Filmtaschen heraus, hielt Negative gegen das Licht, scannte und vergrößerte „verdächtige“ Aufnahmen. Es ging voran! Langsam, aber sicher. Das Problem: Auf einem richtig guten Foto sieht man die Akteure von vorn. Rückansichten und somit Aufnahmen der Trikotnummern sind eher rar. Dann jedoch eine spektakuläre Entdeckung: Ab Anfang der 1970er Jahre fand ich auf den Negativstreifen regelmäßig Fotos von der großen Anzeigetafel des Volksparkstadions, die für die WM 1974 über der Ostkurve installiert wurde. Mein Fotograf hatte sich angewöhnt, diese vor Spielbeginn stets in den Momenten abzulichten, in denen auf ihr die Mannschaftsaufstellungen inkl. Rückennummern angezeigt wurden. Vermutlich, um später beim Entwickeln im Labor die Aufnahmen des laufenden Spiels exakter beschriften zu können. In manchen Filmtaschen steckten zudem Ausrisse aus alten Stadionprogrammen, auf denen handschriftlich die Trikotnummern hinter den Spielernamen vermerkt sind. Ich konnte Lücke um Lücke schließen.
Hilfreiche Fundstücke (v.l.): Kicker-Schema (1966), Anzeigetafel (1976), Stadion-Programm (1975).
Nächtlicher Durchbruch
Jetzt nervten eigentlich nur noch die Leerstellen in den 1960er Jahren. Und das waren leider einige. Fast keine Filme, kaum Fotos. Ich pickte mir ein Spiel heraus, bei dem Uwe Seeler fehlte. Februar 1967, Heimspiel gegen Rot-Weiss Essen. Kein eindeutiger Mittelstürmer-Ersatz erkennbar. Es gab mehrere Kandidaten. Doch raten wollte ich einfach nicht. „Wir als HSV müssen den Anspruch haben, …“ – du Großmaul, dachte ich. Resignation. Ich war müde. Auch weil es schon weit nach Mitternacht war. Diese ganze Recherche – was für ein Zeitfresser! Ich erwähnte es schon, glaube ich … Eher aus Verzweiflung klickte ich mich nochmal ins Online-Archiv des „Kicker“. Letzte Zuckungen des Rechercheurs, der sein klägliches Scheitern einfach nicht einsehen will. Vielleicht findet sich ja im Spielbericht ein Hinweis. Oder ein Foto! Wobei ich wusste: Das ist ein ziemlich frommer Wunsch. Das wäre schon ein sehr großer Zufall und müsste dazu noch ein schlechter Schnappschuss sein. Wieder meldete sich die innere Stimme: „Komm, Junge, gib auf! Fahr den Rechner endlich runter!“ Ja, ja. Ein letzter Blick noch auf die Statistik. Oh! HSV-Torwart Horst Schnoor hat die Note eins bekommen. Und sein Gegenüber Fred-Werner Bockhold auch. Donnerwetter! Verrückt! Und die Verteidiger? „Ratte“ Sandmann erhielt eine 2 und „Kubbi“ Kurbjuhn eine drei. Und vorne: Bernd Dörfel mit der Note 9. Hä? Moment mal! Denk nach, McFly! Das gibt es doch gar nicht! Das ist ja ein Ding! Die haben doch damals tatsächlich hinter den Namen vermerkt, welche Trikotnummer der jeweilige Spieler hatte. Heureka!
Ein paar Jahre zog das Sportmagazin diese Praxis durch. Für mich waren es die entscheidenden. Plötzlich war die Müdigkeit weg. Zur Sicherheit noch eine frische Kanne Kaffee aufgesetzt, und weiter ging’s! Bis zum Morgengrauen und bis an den Rand einer veritablen Sehnenscheidenentzündung klickte ich mich durch alte Kicker-Ausgaben. Lücken schließen, Vorhandenes nochmal checken. Am Ende ergibt das die schmucke nebenstehende Tabelle.
Und wenn die Nummer der lieben Kollegen aus dem Maschinenraum der Medienabteilung im Volksparkstadion demnächst auf meinem Handy aufblinkt? Ich werde wieder rangehen. Mal hören, was gefragt ist. Und dann die Antworten rauspuzzeln. Wer würde sonst daran erinnern, dass Peter Lux, Didi Beiersdorfer oder Stefan Schnoor mal das HSV-Bundesliga-Trikot mit der Nummer 9 getragen haben?! Ich möchte dieses unverzichtbare HSV-Wissen nicht missen. Hinterher ist man wirklich immer schlauer …




















