Sonnabend, 10. Mai 2025, kurz vor 20.30 Uhr, Volksparkstadion Hamburg: Es ist angerichtet. Sieben Jahre Zweite Liga können an diesem milden Frühlingsabend ein Ende finden, wenn der HSV sein Heimspiel des 33. Spieltags der Saison 2024/25 gegen den SSV Ulm gewinnt. 90 Minuten, vielleicht ein paar mehr, dann könnte die Bundesliga-Rückkehr des Hamburger SV wahr werden. Das Volksparkstadion ist ausverkauft, 57.000 Menschen sind live dabei. Es hätten dreimal so viele Karten verkauft werden können. Und die, die jetzt unter dem Flutlicht des Volksparkstadions stehen oder sitzen, die spüren es: das Kribbeln im Bauch, dieses Flirren in der Luft, die förmlich zu greifende Anspannung. Soll es heute endlich wahr werden? Dann betreten die Mannschaften den Rasen – und einer der außergewöhnlichsten Hamburger Fußballabende nimmt seinen Lauf.
Die Partie beginnt, alle HSVer wissen: Dieses eine Spiel gewinnen, dann ist es geschafft! Doch was geschieht? Der SSV Ulm startet furios, drängt den HSV hinten rein, geht mit 1:0 in Führung, steckt auch den schnellen Ausgleich durch Ludovit Reis weg und bekommt kurz darauf einen Elfmeter zugesprochen. Aber dann passiert es: Das Spiel kippt. Denn Daniel Heuer Fernandes hält den Elfmeter und ein Ruck geht in diesem Augenblick durch die Mannschaft, ein Ruck, den man bis in die obersten Ränge der Tribünen spürt. Ein Ruck, dessen Kraft durch die unglaubliche Lautstärke der Fans vervielfacht wird. Und alle gemeinsam spüren in diesem Moment: Wir werden dieses Spiel – hier und heute, in diesem Rahmen, mit dieser Wucht – einfach nicht verlieren, im Gegenteil: Wir werden es gewinnen! Es gibt in diesen Sekunden keinen Zweifel mehr. Und wie zum Beweis sorgt Ransford Königsdörffer kurz darauf für den Augenblick, der dieses Gefühl manifestiert: 2:1, Lupfer, Traumtor, ein wie in Zeitlupe über den Ulmer Keeper fliegender Ball, ein explodierendes Stadion und die totale Ekstase. In diesem Moment entschied sich der Bundesliga-Aufstieg des HSV. Und sie spürten es.
Nahezu auf die Sekunde genau nach 90 Minuten pfeift Schiedsrichter Max Burda das Spiel ab. Und was dann passiert, ist nur schwer in Worte zu fassen. Aus einem 0:1 hat der HSV an diesem magischen Abend ein 6:1 gemacht und sich mit seinem Zweitliga-Rekordsieg in die Bundesliga zurückgeschossen – und all die Freude und Erleichterung brechen sich in dieser Sekunde Bahn. Tausende Fans, die schon minutenlang den Spielfeldrand belagert hatten, stürmen in der Sekunde des Abpfiffs auf den Rasen, liegen sich in den Armen, können ihr Glück kaum fassen, schreien ihre Gefühle heraus. Und mittendrin: Die Trainer und Spieler des HSV, die sich von dieser Welle der Glückseligkeit tragen lassen und einfach mitschwimmen im Meer aus blau-weiß-schwarz gekleideten Menschen, die ihren HSV über alles lieben. Und die in diesem Moment des Glücks mit ihrer Mannschaft verschmelzen.
Kurz darauf haben sich die Ränge des Volksparkstadions deutlich geleert, dafür ist vom Rasen nichts mehr zu sehen. Was nicht nur daran liegt, dass die Fans dichtgedrängt auf dem Platz stehen, feiern und den jahrelang sehnlichst herbeigesehnten Moment des Aufstiegs genießen, sondern auch daran, dass sich tausende Menschen ein Souvenir in Grün für den eigenen Balkon oder Garten gesichert haben. Oder wahlweise auch eine Eckfahne. Und die Tore wurden ebenfalls nicht mehr gesichtet … Ein ganzes Stadion versinkt in blau-weiß-schwarzer Freude!
Die Mannschaft begibt sich anschließend auf den Balkon der Osttribüne und feiert von dort aus mit den Fans, die sich im Innenraum ihres Wohnzimmers versammelt haben. Und schließlich bildet man gemeinsam optisch den schönsten Ort der Welt und akustisch den größten Chor der Hansestadt. Denn wenn 50.000 Menschen gemeinsam „Mein Hamburg lieb‘ ich sehr“ singen, sich dabei dicht gedrängt und glücklich in den Armen liegen und ihre Liebe zu Stadt und Verein mit vereinter Stimme in den lauen Nachthimmel rufen, dann kann dies nur schön klingen. Und das tut es auch noch drei Stunden nach Abpfiff, denn an diesem Abend will niemand nach Hause, und so wird rund um das Volksparkstadion einfach weitergefeiert und der magische Abend zu einer himmlischen Nacht verlängert.
Währenddessen feiert das Team in der Mannschaftskabine weiter, später wird auch noch die angrenzende Mixed-Zone, in der sich nach den Spielen normalerweise Akteure und Journalisten zu ihren Interviews treffen, zur Party-Location umfunktioniert. Hier in den heiligen Hallen geht es ausgelassen zu, Freude und Erleichterung ergeben eine Gefühlswelt, in der die Stunden fliegen. Noch mitten in der Nacht feiern viele Rothosen – noch immer in Trikot, Hose und Stutzen, viele haben sogar noch ihre Schienbeinschoner und Stollenschuhe an – ihren großen Abend. Und einige von ihnen werden ebenso wie andere Gäste und ehemalige HSV-Größen, die diesem monumentalen Moment beiwohnen, einfach in der Kabine schlafen und erst am nächsten Morgen den Weg nach Hause antreten. Denn für diese eine Nacht ist das Volksparkstadion das Zuhause aller HSVer.
Als der nächste Morgen anbricht, herrscht rund um das Volksparkstadion schon wieder reichlich Betrieb, denn die HSV-Mission ist noch nicht beendet. Die Frauen spielen an diesem Sonntag, den 11. Mai 2025 ebenfalls ihr ganz persönliches Finale. Ein Heimsieg noch gegen die zweite Mannschaft des SC Freiburg, dann ist auch für die Frauen der Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Und die lassen nichts anbrennen, gewinnen mit 3:0 und feiern ihren großen Erfolg ausgelassen. Kapitänin Sarah Stöckmann und ihr Team haben Großartiges geleistet und machen die Mission HSV-Doppelaufstieg perfekt. Welch ein überwältigendes Fußball-Wochenende für den Hamburger SV und die gesamte Hansestadt Hamburg!
Ehre, wem Ehre gebührt – und so werden die beiden Aufstiegsmannschaften des HSV von Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher für Montag, den 19. Mai 2025 ins Hamburger Rathaus eingeladen, um das sportliche Ereignis eines Doppelaufstiegs in die Bundesliga gebührend zu würdigen. HSV-Vorstand Stefan Kuntz wird später von einem „sehr würdevollem Empfang“ sprechen, den Trainer Merlin Polzin als „besonderen Moment und große Ehre“ bezeichnen wird. Ein Moment also, den alle Beteiligten dieses Doppelaufstiegs für immer in ihr Herz schließen werden.
Während die HSV-Delegationen der Aufstiegsmannschaften im altehrwürdigen Hamburger Rathaus geehrt werden, haben sich davor rund 80.000 Menschen versammelt. Hamburger und HSVer genießen diesen Tag und speziell diesen Moment, als sich die Tür des Rathausbalkons öffnet und die Spielerinnen und Spieler eines der größten Hamburger Wahrzeichen betreten und aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen. Der gesamte Rathausmarkt ist voll, alle Straßen drumherum, selbst auf den Balkonen und sogar den Dächern der umliegenden Gebäude stehen die Menschen, schwenken ihre HSV-Fahnen, singen die angestimmten Lieder mit und sind Teil dieses Tages, den man als HSVer in dieser Form seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten so nicht mehr erlebt hat. Eine Stadt im Freudentaumel und tiefgreifend vereint in der Zuneigung zu ihrem Verein.
Das nächste Highlight folgt schnell. Denn vom Rathausbalkon geht es direkt auf zwei große Trucks, auf denen sich die Fußballerinnen und Fußballer versammeln und in Schrittgeschwindigkeit durch die Innenstadt, rund um die Binnenalster und schließlich über den Gänsemarkt zurück zum Rathaus fahren. Immer begleitet von zigtausenden Hamburgern und HSVern jeglicher Couleur: Väter mit ihren Söhnen, Omas mit ihren Enkelinnen, ganze Familien und natürlich viele junge und alte eingefleischte HSV-Fans, die nach dem historischen Fußballabend neun Tage zuvor im Volkspark nun auch an diesem Tag hautnah dabei sein und diese Momente miterleben wollen. Augenblicke, die für immer bleiben.
Und so geht an diesem 19. Mai 2025 ein Tag zu Ende, wie ihn Hamburg noch nicht häufig erlebt hat. Und mit ihm eine Fußball-Saison, in der der HSV Historisches vollbracht hat. Denn dass sowohl die Frauen als auch die Männer eines Vereins gleichzeitig den Bundesliga-Aufstieg feiern, das hat es in Fußball-Deutschlands Historie noch nie gegeben. Und soll es aus Hamburger Sicht auch gar nicht noch einmal. Denn wie sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher im Zuge der Feierlichkeiten: „Ich wünsche mir, dass wir heute die letzte Aufstiegsfeier des HSV erleben, weil wir nie wieder absteigen.“ Und exakt so feierten alle Hamburger und HSVer diesen krönenden Abschluss einer Saison, aus der Augenblicke wie dieser für immer bleiben werden.























