Der Ton macht die Musik. Und dass Fuß­baller den mit­unter genauso gut treffen wie den Ball, das mag man viel­leicht nicht glauben, soll aber vor­kommen. Inwie­weit dies auf die alten HSV-Helden wie Manni Kaltz, die legen­däre Nummer 2 des Hamburger SV, und seine Mit­streiter von einst zu­trifft, wer sich dabei bis in die Höhen der deutschen Charts sang und wer den Trend des singenden Sportlers über­haupt ins Rollen brachte, das erklärt die Top-10 der inter­nationalen HSV-Hit­parade.

Fuß­ball und Musik – manch­mal sind diese beiden Welten gar nicht so weit von­­einan­der ent­fernt. Oder spielen sogar gemein­­sam den Sound­­track des Spiels. Nicht umsonst nannte man einst die komplett in weiß ge­kleidete Mann­­schaft Real Madrid das weiße Ballett; nicht um­sonst erinnert so manche Schluss­­phase oder Nach­­spiel­zeit einer Partie an ein wildes Heavy-Metal-Konzert; und nicht um­­sonst bekommt so mancher Fuß­ball-Romantiker noch heute eine wohlige Gänse­­haut, wenn er an die Musik in seinen Ohren denkt, die der Ball nach einem satten Fern­­schuss beim Ein­­schlag ins Netz erzeugte. Fuß­ball und Musik – das gehört eben irgend­wie zusammen.

Und auch einzelne Spieler lassen sich in musikalische Schub­laden stecken. Bezogen auf den HSV würde man Bernd Holler­­bach und seine Spiel­­weise wahr­­scheinlich der Kategorie Heavy Metal zuordnen, während Tim Atoubas Dribblings eher ein Violinen-Konzert dar­stellten und die in regel­­mäßigen Ab­ständen aufs Tor gefeuerten Fern­­schüsse Rafael van der Vaarts an den gleich­­mäßigen Rhyth­mus eines Techno-Songs erinnern.

Und darüber hinaus gab es wirklich HSVer, deren Spiel­­weise nicht nur an eine bestimmte Musik­­richtung erinnerte, sondern die sich tat­­sächlich musi­­kalisch aus­­tobten. Das meiste davon ist schon eine Weile her und hatte auch weniger etwas mit Heavy Metal, Geigen oder Techno zu tun, sondern spielte er in der Rubrik, der man heute die Über­schriften „Pop“ und „Schlager“ geben würde. Welche HSVer hierbei Ball gegen Mikro und Fuß­ball­­schuhe gegen Tanz­­schuhe tauschten, hat die HSVlive-Redaktion mal in den Archiven des Vereins recherchiert – und dabei wahre Schätze und echte Perlen der deutschen Fuß­ball- und Pop­­kultur ent­deckt. Herzlich will­­kommen zur Top-10 der HSV-Hit­­parade!

#1

Charly Dörfel war in vieler­lei Hin­sicht ein Pionier. Dieses Magazin ein­­leitend, begrüßt uns der lebens­­­frohen Links­­außen auf der Doppel­­seite 6 und 7 als DJ Dörfel und zeigt, dass er schon früh wusste, wo die Musik spielt. Denn Dörfel war nicht nur der wahr­­schein­­lich erste Fuß­ball­­profi, der in den 60er-Jahren mit einem Toupet spielte, und der wahr­schein­lich erste, der Fuß­­ball auch als Unter­­haltung für die Massen verstand und das Publikum mit seinen Ein­­lagen immer wieder zum Johlen brachte, sondern er war auch der erste Fuß­­baller, der eine eigene Schall­­platte auf­nahm und auf den Markt brachte. Nachdem er 1964 erst­­mals mit den Raimondos ins Musik­studio gegangen war, folgte 1965 die erste Platte. „Erst ein Kuss“ und „Das kann ich dir nicht verzeih’n“ wurden an­ge­sehene Titel, die sicher­­lich ihren Teil dazu bei­trugen, dass sich nach und nach immer mehr Fuß­­baller des obersten Regals dazu berufen sahen, sich eben­­falls nicht nur sport­lich, sondern auch musikalisch aus­zu­­toben. Einige von ihnen lernen wir auf den nächsten Seiten kennen und können bei dieser illustren Runde fest­­halten: Pionier Dörfel hat also gute Arbeit geleistet. Nicht nur als erster Bundes­­liga-Tor­­schütze des HSV, sondern auch als erster Musik­­star des Fuß­balls.

#2

Einer der lebens­­lang besten Freunde Dörfels war die größte Vereins­­ikone des Hamburger SV: Uwe Seeler, der Mann, dem als Fuß­­baller vom Kind bis zur Schwieger­­mutter alle Menschen zu­­jubelten. Und auch „Uns Uwe“ brachte sich musi­kalisch ein. Aller­­dings nur mit einem kleinen Gast­­auf­tritt beim vom Nord­­deutschen Rund­­funk mit Heidi Kabel, Jan Fedder und weiteren Größen der Hanse­­stadt aufge­nommenen „Lied des Nordens“ sowie mit seinen hervor­­ragen­den Pfeif-Künsten für einen Fernseh-Werbe­­spot für das Hâttric-After­shave (siehe unten links im nord­­deutschen Watt und rechts im deutschland­­weiten Fern­sehen). Ansonsten aber über­ließ er das Musische anderen Kickern. Die wiede­rum näm­lich sangen für ihren Mann­­schafts­­kameraden, als der 1972 seinen Ab­schied vom Fuß­ball verkündete. Das Abschieds­lied für Uwe Seeler erschien zusammen mit Les Humphries und dem „Uwe-Seeler-Marsch“ der Georg Martins Marching Band. Hier­für schmückte Seeler selbst das Cover der Platten­­hülle und dieses legen­däre Mann­schafts­­foto (rechts) die Rück­seite. Ein echtes Meister­­stück.

#3

In einem Atem­zug mit einer Legende wie Uwe Seeler kann man nicht viele Fuß­baller nennen. Einer aber verdient die Auf­zählung seines Namens an dieser Stelle, und zwar der „Kaiser“: Franz Becken­bauer als langjähriger Weg­gefährte und Freund fürs Leben von „Uns Uwe“ darf – auch aufgrund der Tatsache, dass er von 1980 bis ‘82 das Trikot der Rot­hosen trug und somit auch in der HSV-Historie seine Fuß­stapfen hinter­ließ – an dieser Stelle natürlich nicht fehlen. Denn auch der Kaiser hatte neben König Fußball eine weitere Leidenschaft, der er 1966 dann auch frönte. Die Erst­veröffent­lichung des bis heute legendären „Gute Freunde kann niemand trennen“ erfolgte als B-Seite der Single „Du allein“ am 7. Dezember 1966. An­schließend folgten noch „Du bist das Glück“ und „1:0 für die Liebe“. Ob des Kaisers große Liebe nun der Fußball oder die Musik war, verrät er in seinen Songs nicht, doch feststeht: An die heraus­ragende Stellung und großen Erfolge des Fuß­ballers Becken­bauer konnte der Sänger Franz nicht anknüpfen.

#4

Viele Profis tauschen genau wie Becken­bauer bereits während ihrer Fuß­ball-Karriere die Mann­schafts- gegen die Gesangs­kabine ein, so auch HSV-Mittel­feld­spieler Jimmy Hartwig, der ähn­lich wie Charly Dörfel zur Gattung der Fuß­ball spielenden Enter­tainer zählte. Sein Ausflug in die Glitzerwelt des deutschen Schlagers, der ihm neben spannenden Bekannt­schaften wie beispiels­weise der mit Roberto Blanco 1980 auch den Hit „Mama Calypso“ einbrachte, dürfte auch seinen weiteren Lebens­weg geprägt haben. Denn nachdem Hartwig drei Jahre nach seinem musi­kalischen Hit auch sportlich mit dem Gewinn des Europa­pokals der Landes­meister seinen größten sportlichen HSV-Hit ge­landet hatte, erkannte er später die Liebe zur großen Bühne wieder und ist bis heute auf den Theater­bühnen Deutsch­lands zu Hause und war auch im Promi-TV-Format Dschungel­camp im Fern­sehen zu sehen. Eine Karriere nach der Karriere, die irgend­wie zu diesem bunten Vogel und lebens­frohen Liebling der HSV-Fans passt. Und die in Hamburg ihren Ursprung hatte.

#5

Eine Karriere auf der Bühne statt auf dem Rasen probierte kurz­zeitig auch Kevin Keegan aus, der es offen­sichtlich unter­halb der Kategorie „Top-Hit“ gar nicht erst macht. Das galt für den quirligen Engländer nämlich sowohl auf dem Fußball­platz als auch in den Hit­paraden. Denn während Keegan den HSV und seine Fans als Stürmer begeisterte, den Gegnern das Fürchten lehrte und von den Experten während seiner Hamburger Zeit gleich doppelt (1978 und ’79) mit dem Ballon d’Or als „Europas Fuß­baller des Jahres“ ausge­zeichnet wurde, stürmte er zusätz­lich auch noch die Hit­paraden. Der britische Sänger Chris Norman produzierte mit ihm zwei Hits für die deutschen Charts, wobei es die Single „Head over Heels in Love“, die in Deutschland bis auf Platz zehn der Verkaufs­hit­parade kletterte, es 1979 auch in den britischen Charts bis auf Rang 31 schaffte. Somit bejubelten den Star des HSV und der englischen National­mann­schaft ab diesem Zeit­punkt nicht nur die deutschen und britischen Fußballfans, sondern auch die musikbegeisterten Damen. Spätestens nach seinem legen­dären Auftritt im ZDF-Sportstudio, als Keegan vor den Augen von Trainer Branko Zebec, Manager Günter Netzer, Kapitän Peter Nogly, Moderator Dieter Kürten und einem Millionen-Publikum an den TV-Geräten „Head over Heels in Love“ performte. Wobei ihm klar anzu­merken war, dass er sich auf dem Fußballplatz dann aber doch noch­mal deut­lich wohler fühlt als auf der Bühne. Absolutes YouTube-Gold eines über alle Maßen sympathischen Welt­stars!

#6

Apropos Kevin Keegan. Der war es auch, der 1980 einen der größten und bedeutendsten Musiker der Welt persönlich kennen­lernen durfte: Bob Marley. Der war nämlich begeisterter Fuß­baller, kickte laut dem fran­zösischen Sport- und Musik­journalisten Cherif Ghemmour, der diese Geschichte einst für das Fußball­magazin „Rund“ aufschrieb, bei jeder sich bietenden Gelegen­heit mit seiner Band und war auch im welt­berühmten Video zu „Could You Be Loved“ mit dem Mikro in der Hand und Stollen­schuhen an den Füßen zu sehen. Und diesen Bob Marley traf Kevin Keegan auf dessen Europa-Tournee. Und was tat Keegan? Er schenkte Marley ein HSV-Trikot, in Weiß, mit rotem HSV-Schrift­zug auf der Brust. Und es gibt Bilder des den Ball im Sitzen auf einer Couch jonglierenden Bob Marley in diesem HSV-Trikot. Leider konnten die Bild­rechte nicht geklärt werden, sodass ein Abdruck nicht möglich war, aber eine kurze Google-Suche wird jeden Interessierten HSV-Fan happy machen. Und für die jüngeren Leser, die statt mit dem leider bereits 1981 an Krebs gestorbenen Bob Marley eher etwas mit dem US-Rapper Travis Scott anfangen können, gibt es eine andere Trikot-Story, die die Fans feiern. Denn Scott präsentierte seinen knapp 60 Millionen Instagram-Followern jüngst einige besondere Kleidungs­stücke – nämlich HSV-Trikots. Wie der amerikanische Rapper an die 90er-Jahre-Jerseys der Rot­hosen kam und warum er sie trägt – neben dem roten Trikot (links) lichtete er sich auch schon in einem weißen Bernardo-Romeo-Trikot ab – ist unbekannt. Man munkelt, der Style soll ihm einfach gefallen. Und so läuft einer der derzeit erfolg­reichsten Musiker welt­weit in seiner Freizeit mit der Raute auf der Brust rum. Geschichten gibt’s …

#7

Wo wir gerade bei den Größten der Größten sind: Wenn man eine Liste der größten deutschen Musiker zusammen­stellt, dann tauchen dort Namen wie Marius Müller-Western­hagen, Herbert Gröne­meyer oder auch Helene Fischer auf, und diese Liste ließe sich wahr­schein­lich noch um einige weitere Namen aus­dehnen. Nimmt man aber zu der Kategorie „erfolg­reich“ auch noch den Hamburg-Bezug als Voraus­setzung mit hinzu, dann wird es deutlich über­schau­barer. Und am Ende landet man wahr­scheinlich bei genau einem Namen, der aber auch zu den größten und schillerndsten der deutschen Musikwelt gehört: Udo Linden­berg. Der seit mehreren Jahr­zehnten in Hamburg lebende und im Hotel Atlantic wohnende Ausnahme­künstler hat Millionen von Platten verkauft, unzählige Hits für sich selbst und viele andere Sängerinnen und Sänger geschrieben und mit sich selbst eine unver­gleich­liche Marke geschaffen. Eine außer­ordent­liche Karriere, die auch rund um den HSV Fahrt aufnahm. Denn nicht nur wie ein­gangs in diesem Magazin auf Seite 8 und 9 erwähnt im großen Volks­park­stadion, sondern auch in den Jahren zuvor auf dem Sportplatz am Hamburger Rothen­baum brachte Udo Linden­berg die Menge zum Toben. 1976 beispiels­weise rockte Linden­berg – übrigens gemein­sam mit Nord­licht Mike Krüger an seiner Seite – die Saison­eröffnungs­feier des HSV am voll­besetzten Rothen­baum. Und schon wieder ist man geneigt, zu sagen: Geschichten gibt es, die schreibt nur der Fußball. Und eben Udo Lindenberg.

#8

Eben­falls ein echtes Hamburger Original ist der Mann, der 14 Jahre lang quasi zum Inventar des Volks­park­stadions gehörte: Lotto King Karl, seines Zeichens Ur-Hamburger, Sänger, Enter­tainer und von 2005 bis 2019 on top auch Stadion­sprecher des HSV, hat mit seiner Hymne „Hamburg, meine Perle“ hundert­tausenden HSVern eine Gänse­haut deluxe beschert, wenn er kurz vor dem An­pfiff gemein­sam mit seinem Kumpel Pape den legendären Kran be­stieg und direkt vor der Nord­tribüne mit den Fans die große Liebes­erklärung an Hamburg und den HSV sang. Ein echter Hit und ein echter Typ!

#9

Ihren Ur­sprung fand die musi­kalische Unter­haltung bei Heim­spielen der Rot­hosen aber bereits deutlich früher als zu Zeiten von Udo Linden­berg oder Lotto King Karl. Denn bereits Anfang der 70er führte der Verein die so­genannte „HSV-Hit­parade“ ein, in deren Zuge vor den Heim­spielen im Volks­park­stadion stets ein Künstler auf­trat, so wie hier im August 1971 der heute 84-jährige Country- und Schlager­star Jonny Hill („Ruf‘ Teddybär 1-4“). Der gebürtige Grazer – bürger­lich Feri Gillming – lebte lange Zeit in Hamburg und war – siehe oben – ein gerngesehener Gast bei Georg Volkert und den Fans des HSV, die sich über das musi­kalische Enter­tainment vor den 90 Minuten stets freuten. Dieses wandelte sich später auch von der Musik­richtung her – es durfte dann auch gern mal etwas rockiger werden, so wie bei UK-Star Samantha Fox, die im August 1986 vor einem HSV-Heim­spiel live im Volks­park­stadion rockte – wobei sich Trainer Ernst Happel trotz des an­schließenden 1:0-Heim­sieges gegen den FC Liver­pool nicht so recht mit­reißen lassen wollte …

#10

Heute wird vor den Spielen der Rot­hosen im Volks­park­stadion weniger Hill & Fox ge­spielt, dafür aber umso mehr HSV-Musik. Denn mittler­weile gibt es so viel Musik mit klarem HSV-Bezug, dass wir diese auf den folgenden Seiten noch einmal separat vor­stellen. Hier­bei handelt es sich jedoch um ein relativ neues Phänomen, das es zu den Anfangs­zeiten der Bundesliga so noch nicht gab. Natürlich gab es auch schon früher bereits einige sehr ein­gängige Songs, die es zu Kult­charakter gebracht haben: „Wir geh’n immer noch zum HSV“ von Norbert und den Feiglingen beispiels­weise, Stefan Hall­berg mit „Wer wird Deutscher Meister? H-H-H-HSV!“ oder die Kassuben­brothers mit „Wir sind schlau, wir sind Fans vom HSV“. Aber grund­sätz­lich gilt: Den ganz großen Hype erlebte die HSV-Musik erst in den 2000er-Jahren. Und während der HSV heute CDs, Sampler und Play­lists mit eigenen Songs beziehungs­weise Songs über und für den HSV veröffent­lichen kann, von denen wir unten auf dieser Seite eine kleine Aus­wahl finden, sahen die Interpreten und Titel Anfang der 80er-Jahre noch etwas anders aus. Denn zu dieser Zeit kam es ab und an vor, dass der HSV mit Partnern Schall­platten heraus­brachte wie den 1983 von Uli Stein präsen­tierten „Hit-Ball“ mit inter­nationalen Hits wie „Puttin‘ on the Rizz“. Nach welchen Kriterien die Songs in Bezug auf den HSV damals ausgesucht wurden, lässt sich heute ebenso wenig wie bei der 1977 er­schienenen Platte „Zum Fußballhit Nord­deutsch­lands“ mit Songs von Udo Jürgens und Cat Stevens nach­verfolgen, die an­lässlich des Hamburger Stadtderbys heraus­gebracht wurde. Zumin­dest aber machen diese beiden Bei­spiele deutlich, wie groß auch da­mals schon die Verbindung zwischen Fußball und Musik war – und wie viele Kult-Platten, einzig­artige Momente und Perlen der Fußball- und Popkultur durch diese Symbiose ent­standen sind.