Er war einer der Ersten, die den Fußball nicht isoliert und ausschließlich als Sport betrachteten: Gert Dörfel, genannt Charly, der Mann mit dem Gold im Fuß und dem Schalk im Nacken, der – bei aller Ernsthaftigkeit und allem Erfolgshunger – den Fußball auch als Unterhaltung begriff. Charly Dörfel scherzte aufmerksamkeitsstark mit den Fans ebenso wie mit den Mit- und Gegenspielern oder auch dem Schiedsrichter. Und: Er war der erste Fußballer, der – anno 1965 war es, nachdem er 1964 erstmals mit der Hamburger Band Raimondos ins Musikstudio gegangen war – eine eigene Schallplatte auf den Markt brachte. Mit „Erst ein Kuss“ und „Das kann ich dir nicht verzeih’n“ schmachtete Charly sich in die Herzen der weiblichen Fans sowie mit seinen Flanken in die der HSV-Anhänger. Und ganz nebenbei legte er damit den Grundstein für eine Vielzahl an Fußballern, die es ihm später gleichtun und ebenfalls im Laufe ihrer Karriere zumindest kurzzeitig Ball gegen Mikro tauschen sollten. Charly wusste eben schon damals, wo (und wie) die Musik spielt.
Vorrangig spielt die Musik jedoch nicht in der Mannschaftskabine oder auf den persönlichen Platten einzelner Protagonisten, sondern im Stadion. Schon damals am altehrwürdigen Rothenbaum – dazu später ab Seite 34 dieser Ausgabe mehr – und vor allem im Volksparkstadion. Einer der ersten echten Superstars, der vor einem HSV-Heimspiel das Publikum anheizte, war Hamburg-Legende Udo Lindenberg. Der kam 2016 noch einmal zurück und spielte im neuen Volksparkstadion vor 44.000 Fans ein legendäres Konzert – und hatte 31 Jahre vorher am 20. April 1985 nicht nur die HSV-Fans, sondern auch die HSV-Spieler augenscheinlich angeheizt. Denn Udo Lindenbergs Hamburger gewannen gegen Udo Latteks Bayern im Anschluss an den Auftritt des Panik-Orchesters mit 2:1 – was jedoch nichts daran änderte, dass im Mai ’85 nicht der HSV, sondern der FCB Deutscher Meister wurde.
Sein ganz persönliches Meisterstück lieferte Hamburg-Original Lotto King Karl zur Jahrtausendwende mit seiner Hymne „Hamburg, meine Perle“ ab. Dieser Song, der 2000 erschien und seitdem großen und kleinen HSV-Fans in den Ohren klang und dies auch heute noch tut, war 14 Jahre lang fester Bestandteil der HSV-Heimspiele. Und jedes Mal, wenn Lotto mit seinem Kumpel Pape – und manchmal auch mit Unterstützung vom „Fan des Tages“ oder auch gern mal von HSV-Legende Hermann Rieger – in Richtung des legendären Krans lief, war klar: Jetzt gibt’s Gänsehaut! Wie viele Heimspiele lang wie viele tausende Fans insgesamt „Hamburg, meine Perle“ mit leuchtenden Augen und hochgereckten Schals gesungen haben, lässt sich heute wohl nicht mehr nachrechnen, aber eines steht fest: Auch wenn alles seine Zeit hat, so sind diese Momente doch zeitlos.
Ebenfalls zeitlos und irgendwie auch aus allen gängigen Schubladen herausgefallen, da sie mittlerweile ihr ganz eigenes Musikgenre darstellen, ist Scooter. Die Hamburger Techno-Combo um H.P. Baxxter ist dem HSV seit vielen Jahren eng verbunden, performte auch auf der großen 125-Jahr-Feier des Hamburger SV live und ist ein fester Bestandteil eines jeden HSV-Heimspiels. Denn nachdem der damalige HSV-Keeper und Scooter-Fan Sascha Kirschstein für eine HSVlive-Story das Musikstudio Scooters besucht hatte, entstand nach und nach die Idee für einen gemeinsamen Song – der seit 2012 auch als Tor-Hymne des HSV den Volkspark beben lässt. „Always Hamburg “ ist genau wie Scooter: Kult!
Volkspark-Kulturgut ist es mittlerweile auch, wenn sich kurz vor Spielbeginn mehr als 50.000 Fans im Volksparkstadion erheben, um gemeinsam ihre aktuelle Hymne anzustimmen. „Mein Hamburg lieb‘ ich sehr“ von der Hamburger Rockband Abschlach!, die im September 2023 ihr 20-jähriges Jubiläum feierte und zu diesem Anlass die Barclays Arena neben dem Volksparkstadion füllte, verzückt Jung wie Alt und ist aus dem Volkspark nicht mehr wegzudenken. Die Hommage der Hamburger Kultband an ihre Stadt und ihren Verein soll auf den folgenden Seiten dieser HSVlive-Ausgabe ebenso eine gewichtige Rolle spielen wie die vielen anderen musikalischen Highlights rund um die Raute. Denn dort, wo 90 Minuten lang voller Inbrunst gesungen wird, ist völlig klar: Hier spielt die Musik! Und die ist augen- beziehungsweise ohrenscheinlich fest mit dem HSV verbunden. Musik ab!

















