Als Radio-Moderator sprichst du vor einem viel größeren Publikum, doch dieses ist anders als die 57.000 Zuschauer im Stadion unsichtbar. Wo liegen hier die Unterschiede?
Das ist vor allem ein technischer Unterschied. Im Radio kann ich eins-zu-eins so sprechen, wie ich es eh immer tue. Dabei interagiere ich außerdem mit zwei anderen Personen im Studio. Hier beim HSV habe ich eher eine Presenter-Funktion. Die Stadionshow des HSV ist nämlich besonders und ganz anders als in vielen anderen Stadien, denn es ist eine richtig gute Vorberichterstattung mit Aufstellungen, Interviews, Einspielern und so weiter. Das ist wie eine Fernsehmoderation für 57.000 Menschen. Ich bin noch immer kein perfekter TV-Moderator, kein Steven Gätjen, aber es ist okay. Denn auch an diesen Aspekt muss man sich gewöhnen. Ich spreche ja frei, habe keinen Teleprompter, und dann ist es relativ schwierig, drei Minuten am Stück strukturiert zu reden und dabei in eine Kamera zu schauen. Darüber hinaus liegt ein Unterschied in der Art zu sprechen: Ich muss langsamer und druckvoller sprechen und grundsätzlich anders formulieren. Zudem gibt es im Gegensatz zum Radio mit den Kollegen im Studio hier keinen Dialog. Ich feuere ins Publikum rein, ohne etwas zurückzubekommen. Deshalb baue ich mir im Kopf ein Dialogverhältnis auf und sage auch mal: „Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber …“
Muss man als Stadionsprecher eigentlich Fan des Vereins sein?
Ich denke ja. (überlegt etwas) Ja, doch, ich finde, das muss man. Ich hoffe, dass das ab und zu rüberkommt, auch wenn es nicht immer sein kann, Stichwort Professionalität. Es darf nicht zu viel triefen, aber in den entscheidenden Momenten finde ich es wichtig, dass es ein Fan ist, der da das Heimspiel moderiert. Und dass man ihm ansieht und auch fühlt, dass etwas bei ihm passiert und sich auch mal die Stimme überschlägt. Das muss schon sein.
Ist für dich als glühender HSV-Fan durch die Aufgabe als Stadionsprecher eine Art Lebenstraum in Erfüllung gegangen?
Als kleines Kind habe ich beim Kicken gebrabbelt und Kommentator gespielt und natürlich im TV alles konsumiert, ohne zu wissen, was als Kommentator alles dahintersteckt. Die Stimmen von früher – für mich waren das beispielsweise Jörg Dahlmann, Lou Richter und Werner Hansch – hatte ich natürlich alle im Ohr. Etwas später kam dann das Bewusstsein hinzu, dass das eben auch ein Job ist. Und sehr früh war mir klar, dass ich dahin will. Ich wollte Sportkommentator werden, am liebsten in der NDR2-Bundesligakonferenz, weil ich lieber gehört als geguckt habe. Lebenstraum klingt zwar sehr groß und pathetisch und ich habe das selbst noch nie so genannt, aber ja: Es ist definitiv ein Lebenstraum. Wenn ich irgendwann 80 Jahre alt bin und auf mein Leben zurückschaue, dann werde ich mich auf jeden Fall daran erinnern, dass ich Stadionsprecher beim HSV sein durfte.
Wann ist ein Arbeitstag als HSV Stadionsprecher für dich gelungen?
Eine super Frage, bei der ich auch wieder voll in der Fan-Haut stecke. Die ehrliche Antwort ist, dass wir schon richtig gute Shows hatten, aber durch ein spätes Gegentor noch unentschieden gespielt haben, sodass wir nach Schlusspfiff alle mit hängenden Köpfen im Regieraum saßen. Wir machen nach jedem Spiel eine Manöverkritik, in der wir uns über gute und schlechte Dinge austauschen – und die ist wirklich wahnsinnig vom Ergebnis abhängig. Manchmal war die Stadionshow auch nicht so gelungen und wir gucken uns an und sagen: „Naja, ach, wir haben gewonnen!“ Das ist part of the job, denn wir machen hier keinen Journalismus im herkömmlichen Sinne. Natürlich haben wir einen sehr professionellen Anspruch, dem wir mit unserer Show gerecht werden wollen, aber es muss definitiv mit blauem Herzen sein. Denn es ist nicht mein Job, stumpf zu analysieren, sondern ich versuche schon, mein Herz auf der Zunge zu tragen.
Welche Situationen waren bisher die anspruchsvollsten?
Ehrungen sind anspruchsvoll, weil oft viele Personen beteiligt sind und durch die Kamera eingefangen werden müssen. Das darf nicht zu chaotisch aussehen, wenn Leute nochmal durchs Bild laufen. Darauf bereiten wir uns mit Stellproben vor. Auch wenn ehemalige Vereinslegenden sterben und man ihrer gedenkt, ist es mir wichtig, dass das einen ehrenvollen Platz bekommt und davor und danach etwas Ruhe ist. Sowas muss sitzen. Ebenso Jahreszahlen von Titeln oder die generelle Aussprache von Spielernamen. Das Wichtigste und Anspruchsvollste sind aber die fünf Minuten vor dem Anpfiff. Dann sind alle bei dir. Was davor kommt, ist zwar viel Text und ich stecke auch viel Hirnschmalz rein, aber dafür bekommst du kein Feedback. Wenn aber der Sirtaki in den letzten Minuten vor dem Anpfiff nicht läuft, dann bekomme ich 35 Nachrichten bei Instagram, was denn da los war. Zumal die Leute ja denken, dass ich den Knopf zum Abspielen auch noch selbst drücke. (lacht)
Abschließend: Vor 57.000 Menschen zu sprechen, ist eine Ausnahmesituation: Fällt es dir genauso schwer wie Künstlern oder Spielern, nach dem Event abzuschalten.
Ich will mich natürlich nicht mit den Spielern vergleichen, aber nach einem Heimspiel stecke auch ich noch voller Adrenalin und kann zum Beispiel nicht sofort einschlafen. Manchmal bin ich durch meinen Sohn dazu gezwungen, weil am nächsten Morgen sehr früh der Wecker klingelt, aber grundsätzlich ist es so, dass ich mir nach dem Spiel noch alle Zusammenfassungen, auch von den anderen Spielen, und den Zusammenschnitt der Pressekonferenz ansehe. Das dauert einfach und ich liege dann noch mehrere Stunden wach im Bett. Ich muss schon eingestehen: Der HSV hat einen deutlich zu großen Einfluss auf meine Launen. Ich bin bei einem Sieg viel zu euphorisch und bei einer Niederlage viel zu niedergeschlagen. Es ist krass, wie bei mir als 36-jährigem Mann der Fußballverein die Weichen stellt. Aber auf der anderen Seite ist das ja auch genau das, was den Fußball, die Liebe zu seinem Verein und das Stadionerlebnis ausmacht.