Wie es ist …
Beinahe ein Vierteljahrhundert und an die 500 selbstgesprochene HSV-Live-Spiele später kann ich sagen: Gut, dass wir diese und etliche weitere Fehler gemacht haben. Und noch besser, dass wir mit so einer besonderen und fordernden Zuhörerschaft wie den Blinden und Sehbehinderten gestartet sind. Theorie und Praxis waren da ganz eng miteinander verzahnt. Wir konnten das spezielle Handwerkszeug der Radio-Reportage von der Pike auf entwickeln. Und es gab unmittelbares Feedback von denjenigen, für die wir das gemacht haben, weil die auf der Tribüne direkt hinter uns saßen. Ich glaube, besser kann Uni nicht sein.
Vieles von dem, was wir damals gelernt haben, steckt im heutigen HSVnetradio, etwa der Grundsatz: Reportieren geht vor Kommentieren, die Beschreibung muss immer vor der Analyse kommen. Ich sollte in erster Linie erzählen, was ich sehe, nicht wie ich es sehe. Die wichtigste Frage ist und bleibt doch: Wo ist der Ball? Wie kann ich das Geschehen synchron und exakt verorten? Als Live-Reporter muss ich für meine Hörerinnen und Hörer das Navi sein, das sie möglichst ohne große Umwege durchs Spiel leitet. Nur wenn ich es schaffe, das, was gerade auf dem Platz passiert, detailreich zu beschreiben, wird meine anschließende Bewertung und Einordnung auch nachvollziehbar.
Ich finde, das gelingt meinen Kollegen und mir auch heute im HSVnetradio meistens ziemlich gut. Sicherlich: Wir verfransen uns auch in unschöner Regelmäßigkeit, erzählen eine Anekdote oder referieren eine Statistik und sind dann, wenn der überraschende Steilpass kommt, nicht wirklich auf Ballhöhe. Das Gute speziell am Fußballspiel ist aber, dass es ausreichend Gelegenheiten bietet, dieses Sich-Verfahren wieder zu korrigieren. Einfach beim nächsten Einwurf, Freistoß, Abstoß oder Eckball das Navi neu starten: Die Route wird berechnet … Und notfalls auf den Kollegen vertrauen, der als erster Zuhörer die unsaubere oder fehlende Verortung registriert hat durch eine umso genauere Nachschilderung und Ergänzung wieder ausputzt.
Das Wissen um diese Mechanismen und Werkzeuge eint bis heute alle HSVnetradio-Reporter, so individuell sie als Typen auch sind. Das war schon in der ersten Projekt-Phase von 2007 bis 2010 so, als unsere Live-Reportagen noch Teil des kostenpflichtigen HSVtv-Abos waren. Mein damaliger Partner Danny Fritz, inzwischen in führender Position der Medienabteilung von Borussia Dortmund tätig, war zuvor genauso mein Student im Sehbehinderten-Projekt an der Uni wie Lars Wegener, der dem Projekt seit dem Neustart zur Saison 2015/16 vorsteht und heute die HSV-Abteilung „Clubmedien“ leitet. Nachfolgende Kollegen, etwa Philipp Langer, vor seiner Zeit als HSV-Stadion- und mittlerweile Pressesprecher von 2015 bis 2020 regelmäßig am HSVnetradio-Mikro tätig oder die aktuellen Reporter Thomas Huesmann (seit 2019), Fabian Maltzan (seit 2021) und Daniel Koeberer (seit 2023) reihen sich da ein und tragen die Idee von Live-Radio, die die „Veteranen“ Lars und ich im Laufe der Jahre entwickelt haben, voll mit.
Das Arbeiten im Team, den respektvollen und zugewandten Umgang, fern von Eitelkeiten und Animositäten, schätze ich an der Arbeit fürs HSVnetradio am meisten. Wir haben es geschafft, in unserer kleinen Gruppe eine Feedback-Kultur zu etablieren, in deren Rahmen sowohl Kritik als auch Lob geäußert wird, ohne dass diese beim Gegenüber zum Beleidigtsein oder Abheben führt. Die Voraussetzung dafür, dass wir uns und unser Format weiterentwickeln. Aus ähnlich gelagerten Arbeitssituationen weiß ich, dass so etwas beileibe nicht selbstverständlich, ja sogar äußerst selten ist. Durchaus kurios dabei war und ist für mich die Erkenntnis, dass für Dauerredner wie uns Live-Reporter eine der wichtigsten Fähigkeiten das Zuhören ist. Beschreibungen oder Gedanken, die der Kollege begonnen hat, aufzugreifen, zu bestätigen oder zu ergänzen und weiterzuführen macht unser Radio so besonders. Und ich bilde mir ein, dass man das auch hören kann.
So viel vielleicht zum Stil. Und was macht das HSVnetradio inhaltlich aus? Die Bezeichnung „Fan-Radio“, unter die man uns gerne einsortiert, gefällt mir persönlich nicht so sehr. Ich glaube nämlich, dass sie das, was wir machen und leisten, nicht mal annähernd abbildet. Die HSVnetradio-Highlights, in denen nach erfolgreichen Partien Ausschnitte unserer Reportagen das Bewegtbild untermalen, erwecken manchmal vielleicht den Eindruck, als wären da zwei reine PR-Krakeler am Werk, deren Hauptziel es ist, Dezibel-Rekorde aufzustellen und bei HSV-Toren die Boxen und Trommelfelle zum Platzen zu bringen. Wer uns live über längere Strecken zuhört, weiß, dass dem nicht so ist. Emotion ist nur eine Farbe des HSVnetradios. Wir können auch anders. Das haben wir schließlich mal gelernt. Umso mehr freuen mich Rückmeldungen wie folgende, die kürzlich jemand zu den Schnipseln zum Darmstadt-Heimspiel abgab: „Ich habe das Spiel live gehört. Ich bin immer begeistert, wie toll Ihr das macht. (…) man kann sich das alles toll vorstellen, und wenn man es später sehen kann, sage ich oft zu mir: Spitzen-Radio-Sprecher! Genauso ist es abgelaufen!“
Mir ist sehr wichtig, zu betonen, dass wir ein journalistisches Format sind. Wir wollen in den rund zwei Stunden Sendezeit zwischen dem begrüßenden „Moin“ und dem „Nur der HSV“, mit dem wir uns verabschieden, einen ausgewogenen Mix aus seriöser Information und guter Unterhaltung liefern. Sicher: Wir haben dabei die HSV-Brille auf. Doch deren Gläser sind blau-weiß-schwarz getönt und nicht rosarot. Parteilichkeit ja, aber in gesundem Maße, wenn nötig, mit Raum für Kritik am eigenen Team und vor allem: stets mit Respekt für den Gegner und seine Leistungen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bereiten wir uns extrem intensiv auf jede Reportage vor: Spieler-Kärtchen mit Saisondaten für die Taktiktafel und als Zeigehilfe für den Kollegen, aktuelle Statistiken, historische Hintergründe, Mini-Dossiers zu jedem gegnerischen Spieler. Vielleicht ist das manchmal sogar zu viel des Guten. Verzettel-Gefahr – im Wortsinn. Ich behaupte: 90 Prozent meiner Vorbereitung landen unerwähnt im Papierkorb. Und trotzdem glaube ich, dass sich der enorme Aufwand und die Akribie stets lohnen und auszahlen und im Übrigen auch – bei aller Bescheidenheit – von vergleichbaren Formaten anderer Clubs deutlich abheben. Wenn das Timing stimmt und du genau im richtigen Moment eine spannende oder unterhaltsame Zusatzinfo einstreuen kannst – das ist echtes Reporter-Glück!