»Ich bin Trainer und kein Zauberer« 

Welche Dinge will Daniel Thioune von seiner Mannschaft sehen, wofür steht er und was macht den Fußball aus seiner Sicht aus? Das HSVlive-Magazin liefert die sportlichen Antworten – von A WIE ARBEIT BIS Z WIE ZAUBER.

A rbeit

Ohne Fleiß kein Preis! Arbeit ist das, worauf es ankommt. Das gilt für die Mann­schaft, aber auch für das Trainer­team, denn wir können von den Spielern nichts verlangen und abfordern, was wir nicht vorher mit ihnen erarbeitet haben. Verein­facht gesagt: Wenn der Stürmer den Ball am Tor vorbei­schießt, dann muss ich als aller­erstes mich selbst hinter­fragen, ob ich es aus­reichend mit ihm geübt habe. Arbeit fängt bei jedem selbst an. Und: Vor jedem Erfolg steht die Arbeit.

B olzplatz

Das bedeutet für mich: Viel Beton, zwei Tore aus Metall und ein Ball. Genau das bin ich, das ist meine Generation und das habe ich maximal gelebt. Ich würde mich nach wie vor als Straßen­fußballer bezeichnen. Ich habe es geliebt, mich in diesen teil­weise sehr heterogenen Gruppen auf dem Bolz­platz zu behaupten. Das war auch eine Art Schule. Wir bilden heutzutage in den Nachwuchs­leistungszentren sehr viel stringenter aus, ich vermisse daher manchmal dieses Unbedarfte, das der Fußball damals für uns hatte.

C o-Trainer

Ich finde diesen Begriff sehr antiquiert. Für mich ergibt sich daraus immer noch das Bild: Chef­trainer sagt etwas an und Co-Trainer baut die entsprechenden Hütchen auf. Das ist nicht das, was ich mir unter einem Co-Trainer vorstelle. Für mich bedeutet die Zusammen­arbeit, auf Augen­höhe zu agieren und die gemeinsame Arbeit mit den jeweiligen Stärken zu befruchten. Natürlich muss einer den Hut aufhaben und das große Ganze verant­worten, aber ich spreche dennoch lieber von einem Trainer­team, in dem es einen Chef­trainer und die Assistenz­trainer gibt. Das passt für mich vom Wording her besser in die heutige Zeit. Und mit Merlin Polzin bringe ich als Assistenten einen sehr aufgeräumten Menschen mit, der nie zufrieden ist, wenn wir nicht alle Aufgaben gelöst haben und der mir auch mal nachts um halb drei eine WhatsApp schreibt, weil er etwas bezüglich der taktischen Aus­richtung für das nächste Spiel hinter­fragen möchte. Zudem kommt mit Hannes Drews ein weiterer sehr geschätzter Kollege in unser Team. Ich kenne Hannes schon lange und wir beide sind uns einig über die Rolle des zweiten Assistenz­trainers und der damit verbundenen Aufgaben. Er kennt zudem den Verein und kann sofort als Binde­glied zwischen Profi­kader und Nachwuchs­abteilung wirken.

Der gebürtige Hamburger Merlin Polzin arbeitet seit 2014 an der Seite von Daniel Thioune.

D ruck

Kein Druck kann so groß sein wie der Druck, den ich mir selbst auferlege. Wobei ja auch die Frage ist, wie viel Druck ich zulasse. Ich möchte immer wieder betonen, dass ich eher in Lösungen als in Problemen denke und nichts als Bedrohung betrachte, sondern immer als Heraus­forderung. Der einzige Druck, den ich für mich zulasse, ist der, dass ich ein Fußball­spiel gewinnen möchte. Und was von außen an einen selbst oder an die Mannschaft heran­getragen wird, das sollte man gerade beim HSV, wo all das eine sehr große Wucht entwickeln kann, eher als Antrieb betrachten und für sich nutzen, um besser und stärker zu werden. Denn Druck darf niemals so groß werden oder als so groß empfunden werden, dass er die Beine lähmt. Und wenn einer meiner Spieler seine Sorgen mal nicht mehr alleine schultern kann, dann weiß er, dass ich einen großen Rucksack aufhabe, in den er all diese Sorgen reinpacken kann. Und wenn es zu viele Spieler gleich­zeitig betrifft, dann schnalle ich mir eben auch noch einen zweiten Rucksack um. Denn ich habe hier die Verantwortung, und die trage ich auch.

E mpathie

Ich bin Fußballer. Wahr­scheinlich bin ich sogar noch heute mehr Fußballer als Trainer. Und als Fuß­baller nimmst du deinen Mit­spieler eher mal in den Arm, wenn etwas schiefgelaufen ist, als dass du ihn mit Fach­kompetenz überfrachtest. Wenn dein Stürmer den Ball aus drei Metern über das Tor geschossen hat, dann hilft es ihm mehr, ihn in den Arm zu nehmen, als ihm zu erklären, dass er mit dem Ober­körper zu weit in Rücklage geraten ist. Das weiß er nämlich selbst ganz genau. Wenn ich ihm aber sage, dass ich auch mal eine Phase hatte, in der einfach kein Ball reinging, ich aber weiter­gearbeitet und dann auch irgend­wann wieder getroffen habe und wieder jubeln konnte, dann hilft ihm das mehr. Das ist für mich das Maß an Empathie, das wichtig ist in der Balance zwischen Fach­kompetenz und Emotion. Für mich schließen sich diese beiden Dinge nicht aus, sondern sie bedingen sich vielmehr gegen­seitig.

F ans

Gerade in der jüngsten Vergangen­heit haben wir sehr deutlich zu spüren bekommen, für wen wir Fußball spielen. Der Fußball gehört den Fans und sie brauchen ihn zurück. Leere Stadien hingegen braucht kein Mensch, kein Trainer, kein Spieler. Denn es gibt nichts Besseres, als in der letzten Minute ein Tor vor der eigenen Fankurve zu feiern. In engen Spielen ist das Stadion dein zwölfter Mann. Und mit solchen Fans wie beim HSV im Rücken stellt das Stadion mitunter schon mal auf 2:0, ehe du hinten noch das 1:1 kassierst. Die Wucht der Fans fehlt einfach.

G eld

Das liebe Geld ist ein Bau­stein, der in dem Gesamt­kontext Profi­fußball unerlässlich ist. Der eine Spieler spielt für Ruhm und Ehre, der andere, weil er das Spiel so sehr liebt, und ein anderer viel­leicht tatsächlich nur aufgrund des Geldes. Jeder Grund ist legitim, solange er auf das ein­zahlt, was wir alle wollen: erfolgreich Fuß­ball zu spielen. Dazu braucht man gute Spieler – und die bekommt man heutzu­tage eben nicht mehr über die reine Fußball­romantik, sondern da spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Aber: Wir haben uns ohne Frage zu weit von der Basis unseres Sports entfernt und müssen dies­bezüglich wieder eine bessere Balance finden.

H SV

Mein erstes Fußball­trikot war ein HSV-Trikot. Es war hell­blau, hatte auf der Brust die drei großen Buch­staben HSV stehen und war mein ganzer Stolz. Ich habe das Trikot damals als Sechs- oder Sieben­jähriger gebraucht für kleines Geld dem Nachbarn abge­kauft. Denn das Spielchen „Flanke Kaltz, Kopfball Hrubesch“ war damals sehr präsent und der HSV war in meiner Kindheit und auch später nahezu all­gegenwärtig. Dass er aber irgend­wann einmal eine so große Rolle in meinem Leben spielen würde, das war natürlich nicht zu erwarten.

Mit einem hell­blauen HSV-Trikot ist Daniel Thioune einst als Kind aufge­wachsen. Rund 40 Jahre später steht er als Chef­trainer der Rot­hosen im Volkspark­stadion. 

I deologie

Ich würde mich schon als idea­listisch bezeichnen, weil ich überzeugt bin von einer Idee, wie Fuß­ball funktionieren kann. Ich sage nicht, dass ich weiß, wie der Fußball an sich funktioniert, aber ich habe eine Idee davon, wie man die Wahrschein­lichkeit erhöhen kann, erfolgreich Fußball zu spielen. Und darum geht es für mich: Ich möchte Fußballspiele gewinnen. Das ist neben der Freude am Spiel der Grund gewesen, warum der Fußball meine große Leiden­schaft geworden ist und warum ich Profi werden wollte. Mir ging es nie um Ruhm und Ehre, ich würde mich deshalb auch heute noch als Idealist und auch ein Stück weit als Fußball­romantiker bezeichnen.

J oker

Joker sind ein ganz wichtiger Faktor im Fußball. Ich betrachte die Jungs, die zu Beginn des Spiels draußen sitzen, deshalb auch als festen und elementaren Bestand­teil des Spiel­plans und nicht als diejenigen, die dann vielleicht später nochmal rein­kommen. Ich mache mir in der Woche vor dem Spiel schon viele Gedanken, wer bei welchem Verlauf welche Rolle über­nehmen könnte und wie ich durch Einfluss­nahme, sprich: Einwechs­lungen, das Spiel verändern und besser machen kann.

K apitän

Es muss immer ein Privileg und etwas ganz Besonderes sein, als erster Spieler aus der Kabine und auf den Platz zu gehen, seine Mann­schaft anzuführen und ihr vorzustehen. Das muss ich zu jeder Zeit spüren und vernehmen können. Gar nicht unbedingt aufgrund von Lautstärke, sondern durch Körper­sprache, durch Einsatz, und zwar ganz unab­hängig vom eigenen Befinden. Ich durfte dieses Amt selbst einige Jahre ausfüllen und habe es immer als großes Privileg empfunden. Aber auch als eine Aufgabe, mit der man sehr verantwortungs­voll umgehen muss. Nichts­destotrotz steht ein Kapitän für mich nicht über der Mann­schaft, sondern ist ein Teil von ihr, wenn auch ein sehr wichtiger.

Daniel Thioune führte als Spieler unter anderem während seiner Zeit bei Rot Weiss Ahlen die Kapitäns­rolle aus. 

L eiden­schaft

Sie ist die Basis, um ein Fußball­spiel gewinnen zu können. Und: Die Leiden­schaft meines Gegners darf niemals größer sein als meine eigene. Das muss meine intrinsische Motivation sein, es muss aus mir selbst kommen, denn dafür muss ich nicht einmal ein guter Fuß­baller sein. Es hat mit Willen und Bereit­schaft zu tun. Deshalb will ich immer, dass die Leiden­schaft meiner Mann­schaft größer ist als die des gegnerischen Teams. Das allein gibt dir keine Garantie auf den Sieg, aber es ist die Basis jeden Erfolgs.

M otivation

Ich setze voraus, dass jeder Spieler so motiviert ist, dass er das nächste Spiel unbe­dingt gewinnen will. Ich unter­stütze ihn aber auch dabei. Dafür gibt es verschiedene Ansätze und es ist mir in der Vergangen­heit meist recht gut gelungen, die richtigen Reize zu setzen und so auf die Spieler einzu­gehen, wie es ihnen am meisten hilft. Der eine braucht eine Umarmung und positive Worte, der andere reagiert mehr auf klare An­sagen. So versuche ich, jeden Spieler mitzu­nehmen und den Willen zu wecken, jedes Spiel zu gewinnen. Dieser Wille ist bei mir niemals gebrochen, weshalb ich auch als Trainer den Emotionen freien Lauf lasse und mitten in der Jubel­traube auftauche, wenn wir in der letzten Minute das entscheidende Tor schießen. Das ist Teil dieser Emotionalität und der inneren Motivation. Die trage ich jeden Tag in mir.

N agels­mann

Julian ist ein guter Typ. Wir haben gemein­sam den Fußball­lehrer-Lehrgang besucht und sind auch heute immer noch ab und zu in Kontakt. Er hat sich über die Jahre viele Dinge ange­eignet, trägt aber auch sehr Vieles einfach als Talent bereits in sich und hat dadurch viele gute Entscheidungen getroffen. Er ist jemand, der nie vergessen hat, wo er herkommt, das mag ich. Ich halte sehr viel von ihm, und zwar als Kollege und auch als Mensch. Wenn wir uns aus­tauschen, dann geht es natürlich auch um Fußball, aber auch um sehr viele andere Dinge des Lebens.

O snabrück

Mein Zuhause ist für mich immer da, wo ich lebe, wo meine Auf­gabe liegt und wo ich mit meiner Familie zusammen bin. Aber meine Heimat ist für mich der Ort, wo ich herkomme, und davon gibt es nur einen Ort: Osna­brück. Ich bin dort aufge­wachsen, ich bin dort groß geworden, da liegen meine Wurzeln. Ent­sprechend bin ich in Osna­brück heimisch, auch wenn ich mich beim HSV und in Hamburg bereits sehr zuhause fühle.

Insgesamt 14 Jahre war Thioune als Spieler sowie als Nachwuchs- und Profi-Trainer beim VfL Osnabrück aktiv. In beiden Rollen schaffte er mit den Lila-Weißen den Aufstieg in die 2. Bundesliga. 

P rinzipien

Sollte man haben! Auch im Fuß­ball. Wie will ich als Team mit dem Ball agieren, wie will ich gegen den Ball agieren, wie verhalte ich mich in Momenten des Umschaltens? Und über allem die Frage: Wie möchte ich als Gruppe funktionieren? Dafür helfen grund­legende Prinzipien. Zum Beispiel: Niemand steht über dem Team, aber jeder ist aufge­fordert, sich für das Team einzu­bringen. Danach möchte ich handeln, danach habe ich in Osna­brück auch eine Philo­sophie für den gesamten Nachwuchs­bereich aufgebaut. Mir ist bewusst, dass man das nicht eins zu eins auf eine andere Umgebung und auf einen anderen Club adaptieren kann, ein Copy-Paste wird es deshalb nicht geben. Aber sicherlich orientiere ich mich an diesen Prinzipien und werde sie auf den HSV zuge­schnitten erweitern und entwickeln. Dabei geht es viel um Detailarbeit, die aber am Ende im großen Ganzen mündet. Damit im Ideal­fall der HSV-Fan auf der Tribüne erkennt, nach welchen Prinzipien seine Mann­schaft da unten auf dem Platz funktioniert.

Q uerpass

Ein Quer­pass kann auch mal Mittel zum Zweck sein, um beispiels­weise den Gegner bewusst auf eine Seite des Spiel­feldes zu ziehen. Aber ich lasse grund­sätzlich lieber vertikal als horizontal spielen. Das mag auch daran liegen, dass ich ein unge­duldiger Mensch bin, was sich auch in der Art wieder­findet, wie ich meine Mann­schaft spielen lassen möchte. Bedeutet: Ich möchte so schnell es geht zum generischen Tor kommen. Das geht sehr gut, wenn ich möglichst weit in der gegnerischen Hälfte den Ball erkämpfe. Oder indem ich von hinten heraus möglichst schnell die Räume überbrücke, um in die gefährliche Zone zu kommen und den Abschluss zu suchen. Und für all das ist der Quer­pass hinderlich, denn mit ihm ist dein Spiel eher auf Ball­zirkulation ausgelegt. Und wie gesagt: Dafür bin ich zu ungeduldig.

R eus

Marco Reus war zwei Jahre lang in Ahlen mein Mit­spieler. Er war damals 18 Jahre alt und mir fehlte die Fantasie, um mir vor­stellen zu können, dass er später einmal Fuß­baller des Jahres werden würde. Dass er eine solche Entwicklung hinlegt, war nicht zu erwarten, obwohl er schon damals außer­gewöhnliche Fähig­keiten hatte. Übrigens genau wie Kevin Groß­kreutz, mit dem ich dort ebenfalls zusammen­gespielt habe. Einen von beiden links neben sich zu haben und den anderen rechts – das war schon nicht so schlecht. Zu beiden habe ich auch nach wie vor noch ab und an Kontakt, da ich später auch öfter in Dortmund zu Gast war, weil ich das Projekt BVB mit Jürgen Klopp so spannend fand und es verfolgt habe. Und zudem, weil Patrick Owomoyela der Paten­onkel meines Sohnes ist, insofern gab und gibt es immer noch Kontakt zu den alten Kollegen.

S ocial Media

Meiner Meinung nach muss man solche Kanäle entweder ganz oder gar nicht betreiben. In dem Moment, als ich den Lehrgang zum Fußball­lehrer begonnen habe, entschied ich mich für: gar nicht. Mir fehlten einfach die Zeit und auch die Muße dazu. Deshalb bin ich da raus, jedoch ohne unwissend zu sein, ich setze mich schon damit auseinander. Denn in der heutigen Spieler­generation nimmt Social Media viel Platz ein und das ist auch okay, solange der Fokus der Jungs weiterhin auf dem Wesent­lichen liegt: dem Fußball. Trotzdem denke ich, dass es Bereiche im Leben und damit auch in unserer Gruppe gibt, in denen Social Media oder ganz grund­sätzlich das Handy nichts zu suchen haben, weil wir dann gemeinsam im Hier und Jetzt sind und uns mit­einander beschäftigen. Insofern: Es gibt bei mir kein generelles Handy­verbot, aber es gibt definitiv Zonen, in denen ich es nicht begrüßen würde, wenn die Geräte dabei sind.

T rainer

Ich hatte viele Trainer, am längsten hat es Dieter Hecking mit mir ausge­halten. Ich konnte von vielen Trainern etwas mit­nehmen, weil ich auch immer bereit war, zu lernen. Da tue ich auch heute noch gern im Aus­tausch mit Kollegen. Und da müssen es nicht immer Jürgen Klopp oder Pep Guardiola sein, ich fand beispiels­weise einen Austausch mit Heiden­heim-Coach Frank Schmidt überaus interessant. Und ich bin auch selbst wirklich gern Trainer, wobei ich mich auch als Freund und Begleiter der Spieler sehe und diesen Weg hin zum Trainer eigentlich auch gar nicht geplant hatte. Ich habe damals unter Arie van Lent als Co-Trainer begonnen, habe dann aber schnell fest­gestellt, dass ich nicht der zweite Mann sein möchte, sondern gern derjenige bin, der Entscheidungen trifft und dann auch den Kopf dafür hinhält. Nur: Es hat sich keine Tür geöffnet. Also habe ich mit dem Thema abge­schlossen und habe ein Studium begonnen und mich auf das Leben nach dem Fuß­ball vorbereitet. Doch dann fragte mich der VfL Osna­brück, ob ich mal kurz aushelfen könnte – und aus dem Aus­helfen erwuchs dann die Chance und auch die Über­zeugung, dass ich doch ein Trainer sein kann. Und so bin ich glücklich, derzeit meine Berufung leben zu können.

Beim VfB Lübeck erlebte Thioune unter Trainer Dieter Hecking von 2002 bis 2004 eine erfolg­reiche Zeit. Nun folgt er seinem ehemaligen Vorge­setzten als Chef­trainer beim HSV.  

U -Mann­schaften

Der Nachwuchs war für mich ein gutes Pflaster als Trainer, um mich entwickeln zu können, um Dinge auszu­probieren, um zu lernen. Ich habe Mann­schaften von der U11 bis zur U19 trainiert und es hat mir gefallen, mit Jungs zusammen­zuarbeiten, die aufgrund der gleichen Leiden­schaft mit dem Fußball begonnen haben, wie ich sie jeden Tag fühle und lebe. Da stehen noch keine monetären Dinge im Vorder­grund. Es hat mir viel Freude bereitet, die jungen Spieler zu entwickeln, deshalb würde ich es auch nie als Rück­schritt betrachten, wenn ich irgendwann mal wieder in einem Nachwuchs­leistungszentrum eine Jugend­mannschaft trainiere, anstatt wie jetzt ein Team im Herren- und Profi-Bereich.

V ideo-Assistent

Als er einge­führt wurde, hatte ich die Über­zeugung, dass dies eine gute Idee ist und dass die Entscheidungen valide und verlässlich sind und den Fußball gerechter machen. Mittlerweile hat sich in mir allerdings eine gewisse Skepsis breitge­macht. Ich denke schon, dass der Fußball gerechter geworden ist, keine Frage, aber sich immer nur auf den Video-Assistenten zu verlassen, halte ich für schwierig. Im Kölner Keller hat man meiner Meinung nach wenig Spiel­raum, um Situationen auch mal mit ein bisschen Fingerspitzen­gefühl zu bewerten oder Entscheidungen zu treffen, bei denen man die Leit­planken für die Spieler auch mal etwas weiter steckt. Vielmehr hält man sich an ein Regel­buch, in dem es nur schwarz oder weiß gibt. Und das finde ich schwierig. Wenn ich im Straßen­verkehr mal mit dem Fahrrad über den Kantstein fahre, komme ich nicht direkt in Gefängnis – im Fußball läuft es aktuell aber schon nach diesem Prinzip. Davon würde ich das Spiel gern wieder etwas lösen und mir deshalb weniger Eingriffe des Video-Assistenten wünschen.

W elt­meister­schaft

Solche Events verfolge ich gern als Zuschauer, als Fan. Dann ziehe ich mir mein Deutschland­trikot an, schaue die Spiele mit Freunden und freue mich, wenn unsere Mann­schaft gewinnt. Ich schaue in dem Moment weniger als Trainer oder als Analyst zu, sondern genieße solche Augen­blicke als Event. Was ich aber tue: Im Nachgang eines Turniers studiere ich genau, wie gewisse Mann­schaften gespielt haben, warum sie dieses eine Spiel gewonnen haben oder was sich taktisch entwickelt hat.

1 – X – 2 – Unent­schieden

Wenn wir den Wett­schein als Basis nehmen, dann habe ich natürlich immer lieber die 1 als das X oder gar die 2. Denn natürlich spiele ich Fußball, um Spiele zu gewinnen. Das ist immer der grund­legende Ansatz. Aber sicherlich kann ein Spiel­verlauf auch mal dazu führen, dass ich reagiere und sage: den Punkt nehmen wir jetzt mit. Lieber ist es mir aller­dings, alles zu versuchen, um den Sieg doch noch zu erzwingen. Das geht vielleicht in zwei Fällen schief, zwei­mal klappt es aber auch. Und dann habe ich unter dem Strich deutlich mehr Punkte, als wenn ich mich jedes Mal für das Remis ent­schieden hätte. Ich bin dann also doch eher risikobereit unter­wegs und nehme ent­sprechend doch lieber die 1 oder 2 als das X.

Y -Pass­form

Ich kenne die Y-Passform natürlich, halte es mit Pass­formen jedoch so, dass sie niemals einfach nur eine Passform sind. Es sollte statt­dessen immer eine klare Idee dahinter­stecken. Da geht es aus meiner Sicht um Geschwindig­keit, Genauigkeit und Wieder­holungen. Dann wird eine Pass­form sehr relevant, denn am Ende ist es das Handwerks­zeug des Fußballers, das ich damit trainiere. Das finde ich entscheidender, als eine Passform als Erwärmungs­punkt zu nutzen, indem ich den Ball einfach von A nach B spiele, wie ich es vielleicht noch aus meiner Zeit als Spieler kenne.

Z auber

Ich bin Trainer und kein Zauberer. Was wir auf den Platz bringen, hat nichts mit Hokus­pokus zu tun, sondern mit harter Arbeit – womit wir wieder bei A wären. Denn wer viel investiert, der kann auch viel erreichen. Und wenn sich dann auf dem Platz wirklich irgend­wann der Zauber des Spiels entwickelt, dann steckt meist harte und sorg­fältige Arbeit dahinter.

Zauberei ist nicht so sein Ding – für Daniel Thioune steht die harte Arbeit an erster Stelle.