DANIEL THIOUNE hat in seinem Leben viele Hürden genommen. Manchmal im zweiten Anlauf, dafür aber immer mit einem absoluten Maß an Willensstärke und Bereitschaft. Zwei Eigenschaften, die auch seinen noch jungen Weg als Trainer im Profifußball kennzeichnen, und die er von seinen Spielern maximal einfordert. Der neue HSV-Cheftrainer im Portrait.

Wenn man Daniel Thioune das erste Mal begegnet, dann festigt sich schon gleich nach der Begrüßung der Eindruck eines Mannes mit einer besonderen Aus­strahlung. Trotz Corona-bedingten Ab­stands und Faust­grußes schafft es der 46-Jährige eine unmittel­bare Nähe zwischen zwei sich eigentlich fremden Personen herzustellen. Mittel­groß gewachsen, gesunder Körper­bau, hohe Stirn, grau melierter Vollbart und tief­braune Augen, die zugleich erfrischend hell, ehrlich und vertrauens­würdig daher­kommen. Im Volks­mund würde man Thioune, der mit grauem Kapuzen­pullover, hell­blauer Jeans­hose und weißen Sneakern sein smartes Erscheinungs­bild komplettiert, wohl das „gewisse Etwas“ attestieren, von einer Persön­lichkeit mit „Charisma“ sprechen. In jedem Fall benötigt man nach dem ersten Eindruck nicht allzu viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass der neue HSV-Chef­trainer die Fähigkeit besitzt, Menschen mit auf eine Reise zu nehmen, sie für eine gemeinsame Sache begeistern und zu Höchst­leistungen anspornen zu können.

»Es liegt an mir, dieses Potential zu wecken«

So hat es der am 21. Juli 1974 im beschau­lichen Georgs­marienhütte, einer 30.000 Einwohner-Stadt im südlichen Nieder­sachsen, geborene Sohn eines Sene­galesen und einer Deutschen in den vergangenen rund zwei­einhalb Jahren in seiner Heimat­stadt Osna­brück geschafft. Und das äußerst erfolgreich. Anfang Oktober 2017 übernahm Thioune die Drittliga-Mannschaft des in der Universitäts­stadt tief verwurzelten VfL Osnabrück, für den er von 1996 bis 2002 einst selbst als Profi 170 Pflicht­spiele absolvierte und seit 2012 als Nachwuchs­trainer aktiv war. Die Lila-Weißen, die noch nie in der 4. Liga spielten, fanden sich damals in einer prekären Situation auf einem Abstiegs­platz wieder. Doch Thioune schaffte im Anschluss den größt­möglichen Turn­around – erreichte mit sechs Punkten Vorsprung nicht nur den Klassen­erhalt, sondern führte den VfL in der folgenden Saison 2018/19 völlig überraschend zur Meister­schaft und dem damit verbundenen Aufstieg in die 2. Bundesliga nach acht Jahren Abstinenz. Für dieses Kunst­stück wurde er zum „Trainer der Saison“ in der 3. Liga gewählt, erhielt dabei von den 40 stimm­berechtigten Trainern und Kapitänen viel­sagende 35 Stimmen. In der abge­laufenen Spiel­zeit setzten Thioune und der VfL dann sogar noch einen drauf, indem sie sehr souverän als Tabellen-13. den Klassen­erhalt in der Zweiten Liga schafften. 

Wille und Bereitschaft als Basis für Entwicklung

Eine märchenhafte Erfolgsstory, die zum Unbehagen der Osnabrücker zwangsläufig Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz und damit auch beim Hamburger SV geweckt hat. Die Rothosen verpflichteten den aufstrebenden Fußball-Lehrer, statteten ihn mit einem Zweijahresvertrag aus und stellten ihn Anfang Juli in einer Pressekonferenz als Nachfolger des zuvor ausgeschiedenen Dieter Hecking vor – kurioserweise jenem Trainer, unter dem Thioune von 2002 bis 2004 beim VfB Lübeck als Spieler einst am längsten aktiv war und anfing, wie ein Trainer Fußball als richtig komplexes System zu verstehen. „In der jüngeren Vergangenheit wurde deutlich, dass wir unseren Kurs anpassen müssen. Wir wollen den Schwerpunkt vermehrt auf die Entwicklung legen. In Daniel sehen wir den prädestinierten Kandidaten, der diesen Weg mit Haut und Haaren verkörpert“, erklärte HSV-Sportvorstand Jonas Boldt am Tag der Vorstellung die Entscheidung. „Ich habe mich sehr intensiv mit dem HSV beschäftigt. Es ist offensichtlich, dass in diesem Kader ein brutales Potential steckt. Es liegt an mir, dieses Potential zu wecken“, pflichtete ihm Thioune bei. „Dementsprechend ist auch das gegenwärtige Umfeld beim HSV passend für mich. Denn wenn man überhaupt erst etwas entwickeln darf, dann ist niemand damit zufrieden, wo man gerade ist.“

Der neue HSV-Trainer, der gemeinsam mit seinem bisherigen Co-Trainer Merlin Polzin an die Elbe wechselte und sein Trainerteam mit dem bisherigen U21-Coach der Rothosen, Hannes Drews, komplettierte, wird im Anschluss an seine Vorstellung in der Presse unter anderem als „Chef-Entwickler“ betitelt. Als Jemand, der die Gabe besitzt, aus wenig viel zu machen. Eine Fähigkeit die angesichts seines Wirkens bei seiner ersten Profistation als Trainer in Osnabrück naheliegt. Doch ebenso spannend und entscheidend scheint das Wie hinter dieser Entwicklungsfähigkeit. Denn wenn Thioune selbst über ein Langzeit-Thema wie „Entwicklung“ spricht, dann zumeist im Einklang mit gegenwärtigen Grundtugenden wie „Wille“ und „Bereitschaft“, die er „brutal“ – ein von ihm gern genutztes, eher derbes Wort in seinem ansonsten eloquenten Sprachschatz, um maximale Konsequenz auszudrücken – von seinen Spielern einfordert. Tenor: Wer Zukunft gestalten will, der muss in der Gegenwart malochen. Zu einem solchen Entwicklungsprozess gehört zwangsläufig auch das Hinfallen, das Wiederaufstehen und vom Neuen Anlaufnehmen. „Vielleicht sieht es für viele so aus, als dass wir beim HSV gerade einen Schritt zurückmachen. Aber vielleicht gehen wir ja auch nur ein wenig zurück, um Anlauf für den nächsten Schritt nach vorn zu nehmen“, sagt Thioune in diesem Kontext.

Spieler, Trainer, Bachelor­absolvent und Familien­mensch

Die Mentalität des Niemals-Aufgebens und Widerstände-Überwindens zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des gebürtigen Nieder­sachsen. Allein die Haut­farbe spielt dabei eine Rolle, wie Thioune einmal in einem 11Freunde-Interview erklärte: „Man muss als Schwarzer deutlich härter arbeiten, um zu leben wie ein Weißer. […] Aber mich wird niemand und nichts aufhalten. Auch meine Hautfarbe nicht.“ Zu Beginn seiner fußballerischen Lauf­bahn nutzt Thioune rassistische Provo­kationen mitunter noch als Motivation, erlebt später aber auch, dass es Grenzen bei diesen Anfeindungen gibt, die 1999 beim Scheitern in der Relegation zur 2. Liga in Chemnitz mit „Haut den Neger um“-Gesängen eine neue Dimension entfalten und ihren traurigen Höhepunkt finden.

Doch Thioune rennt getreu seines Naturells weiter an, nicht nur gegen Vorurteile, sondern auch, um sich den Traum vom bezahlten Fußball zu erfüllen. Den Durchbruch zum Fußballprofi schafft er dabei erst spät, feiert sein Zweitliga-Debüt im August 2000 im Alter von 26 Jahren, nachdem zuvor der nächste Anlauf in der Relegation erfolgreich geglückt ist. Am Ende stehen dennoch beachtliche 317 Pflichtspiele für den VfL Osnabrück, VfB Lübeck und LR Ahlen in der 2. Bundesliga und der damals noch dritt­klassigen Regional­liga zu Buche, auch wenn dem Offensiv­spieler eine Partie in der Beletage des deutschen Fuß­balls verwehrt bleibt. „Ich habe gelernt, dass man im Leben jede Stufe einzeln nehmen muss und dass es deshalb vielleicht manchmal ein bisschen länger dauert. Aber auch wenn der Weg etwas steiniger ist, weiß ich, dass ich ihn trotzdem gehen kann“, sagte Thioune einmal über seine Beharr­lichkeit, die auch seinen Weg nach der aktiven Spieler­karriere kennzeichnet. Im März 2016 erhält er unter anderem an der Seite seiner Jahrgangs­kollegen Julian Nagels­mann (heute RB Leipzig), Domenico Tedesco (Spartak Moskau) und Hannes Drews die ebenso begehrte wie anspruchsvolle Fußball­lehrer-Lizenz. „Daniel war einer der auffälligsten Kollegen in unserem Fußballlehrer-Lehrgang, der in meinen Augen gute Ansichten hatte und mit dem ich mich auf Anhieb sehr gut verstanden habe“, blickt Nagels­mann zurück. „Ein außer­gewöhnlich cooler und toller Mensch, mit dem ich auch heute immer mal wieder in Kontakt stehe.“ Thioune hinter­lässt einen bleibenden Eindruck, muss für den Fußball­lehrer parallel zur Trainer­tätigkeit zugleich aber viel Zeit und Power investieren. „Das war ein ganz schönes Brett – von morgens acht bis tief in die Nacht lernen, das geht an die Substanz“, sagt er rück­blickend. Doch was Thioune anpackt, wird beendet. So auch ein Bachelor-Studium in Sport- und Erziehungs­wissenschaft an der Universität Vechta, das er ebenfalls parallel zu seiner Trainer­tätigkeit im Nachwuchs beginnt, während der Fußballlehrer-Ausbildung unterbricht und im Jahr 2019 nach zwölf Semestern erfolgreich abschließt. „Das Bachelor-Studium habe ich auch noch geschafft. Am Ende geht immer alles“, resümiert Thioune, der neben dem Fußball seit vielen Jahren auch ein glückliches Familien­leben mit seiner Ehefrau Claudia und Tochter Hanna (22) sowie Sohn Joshua (16) führt. Fußball und Familie funktionieren dabei im Einklang, die Liebsten begleiten ihn zu jedem Spiel, spenden zudem die nötige Kraft, um die Akkus aufzuladen, wenn der Ball ruht und die für ihn wichtige „Quality-Time“ mit ihnen ansteht.

Viel Empathie und klare Prinzipien

Diese Kraft braucht Thioune ebenso wie die Gegen­wart von Gleich­gesinnten, um immer wieder die nächste Hürde überwinden zu können. „Ich brauche Menschen um mich herum, die intrinsisch motiviert sind. Die nicht zufrieden damit sind, wo sie gerade sind, sondern die in ihrem Leben weiterkommen wollen“, sagt er. Dement­sprechend geht er als Trainer mit seinen Spielern um und ist von seiner Art her dabei noch eher Spieler als Trainer – ein „100-Prozent-Fußballer“, wie er selbst sagt, der mit seinen Schützlingen per „Du“ ist und auf ein hohes Maß an Empathie setzt. Gleichwohl besitzt er im Umgang mit seiner Mannschaft klare und unum­stößliche Prinzipien. „Niemand steht über dem Team“, lautet dabei sein oberstes Credo.

Ein Spieler, der diese Philosophie hautnah erlebt hat, ist der frühere HSV-Spieler Ahmet Arslan. „Daniel ist ein Trainer, der sehr hinter dem steht, was er sagt und lebt. Genau das macht ihn in meinen Augen erfolgreich. Er hat eine klare Idee vom Fußball und fordert von jedem Spieler, auf diesen Zug von Idee aufzu­springen“, erklärt der Mittelfeld­spieler, der von 2016 bis 2018 beim VfL Osnabrück spielte und in diesem Sommer vom VfB Lübeck zu Holstein Kiel wechselte. Arslan bekam dabei auch die Prinzipien­treue des Trainers zu spüren. Als er im April 2018 im Elfmeter­schießen im Landes­pokal-Spiel gegen Drochtersen/Assel per Elfmeter-Lupfer verschoss, sah sich Thioune gezwungen, ihn bis auf Weiteres aus dem Kader der Osna­brücker zu streichen. „Man kann einen Elfmeter verschießen – aber nicht so“, lautete die Begründung. Arslan, der dieses Kapitel abgehakt hat und nur ungern wieder aufschlägt, sagt dazu: „Ich glaube, dass es für beide Seiten eine neue Situation war: Fußballer reifen durch Fehler, Trainer genauso. Eventuell hat die Kommunikation mit mir damals ein wenig gefehlt, aber vielleicht war es auch so gewollt, um mich reifen zu lassen.“ Fest steht: Trainer und Spieler haben diesen Vorfall ohne Nach­tragen wie Fuß­baller ausge­räumt, pflegen heute ein gutes Verhältnis zueinander. „Unterm Strich habe ich viel unter Daniel gespielt und eine Menge von ihm gelernt. Aus diesem Grund habe ich ihn auch nach meiner Zeit in Osna­brück immer verfolgt. Zugleich habe ich gemerkt, dass auch er mich weiter­verfolgt hat, da der Kontakt nie abgebrochen ist und man sich gegenseitig bei Erfolgen beglück­wünscht hat“, verrät Arslan, der sich in der kommenden Saison als Kieler nun auf ein zwei­faches Wieder­sehen freut – mit dem HSV und mit Daniel Thioune.

»Ich habe gelernt, dass man im Leben jede Stufe einzeln nehmen muss«

Letztge­nannter will bis dahin seine Über­zeugungen, Ideen und Prinzipien auch im Umfeld der Rothosen einge­bracht haben. Wohl wissend, dass wieder eine neue Hürde mit bisher nicht erlebten Heraus­forderungen auf ihn wartet. „Mir ist bewusst, dass man meine Arbeit in Osna­brück nicht eins zu eins auf eine andere Umge­bung und auf einen anderen Club adaptieren kann, ein Copy-Paste wird es deshalb nicht geben“, erklärt Thioune, der seine Spieler anfangs gern auch mal über­frachtet und ihnen zu viel Input gibt, damit sie in Extrem­situationen schneller adaptieren. Im Idealfall trägt die HSV-Mannschaft auf und abseits des Platzes so am Ende dennoch seine Hand­schrift und diese sieht verein­facht gesagt im ersten Schritt mehr Arbeit gegen den Ball, mehr vertikales Tempo und mehr Lösungs­möglichkeiten vor. „Nicht der Spieler ist schuld, der den Ball verliert, sondern derjenige, der nicht bereit ist, ihn wieder zu holen“ lautet in diesem Zusammen­hang ein von Jürgen Klopp geschaf­fenes und von Daniel Thioune bemühtes Motto. Für solch eine 100-Prozent-Spielweise muss man Spieler begeistern können, sie dazu bringen, durch das vielfach zitierte Feuer für einen zu gehen. Glaubt man sowohl ehe­maligen als auch aktuellen Weg­gefährten wie etwa RB Leipzig-Trainer Julian Nagels­mann, dann besitzt Thioune genau diese Gabe: „Daniel hat in Osnabrück sowohl im Nach­wuchs als auch bei den Profis außerge­wöhnliche Arbeit geleistet und uns im letzt­jährigen DFB-Pokal einen sehr starken Gegner geboten. Es ist klar, dass die Aufgabe in Hamburg nicht einfach ist. Aber ich glaube, dass er mit seiner Art genau der richtige Mann dafür ist. Denn er ist ein Menschen­fänger, der die Massen bewegen und begeistern kann.“ Zuzutrauen ist es ihm allemal. Denn wie gesagt: Es benötigt nicht allzu viel Fantasie, dass eine charis­matische Persön­lichkeit wie er, Menschen mit auf eine gemein­same Reise nehmen kann.