Die Corona-Pandemie hat den Fußball maßgeblich verändert: Trainings- und Spielbetrieb nach Hygienekonzept, leere Ränge in den Stadien und ein Wettbewerb auf Bewährung. HSV-Trainer DIETER HECKING will in dieser Gemenge­lage den Fußball stärker denn je in den Vordergrund rücken. 

Wie schafft man es, Normalität herzustellen, wenn es eigentlich kaum Normalität gibt? Man versucht, die äußeren Einfluss­faktoren möglichst weit von sich fernzuhalten und sich auf das zu beschränken, was man am besten kann. So lautet zumindest die Philosophie von HSV-Cheftrainer Dieter Hecking. Bei all den äußeren Einflüssen, die in Form von gesellschaftlichen Diskussionen, strengen Hygienevorgaben und ungewohnten Spielbedingungen auf seine Spieler einwirken, legt der 55-Jährige seinen Fokus vorrangig auf den Fußball. Auf das Spiel an sich – egal ob es nun vor null statt wie sonst üblich zehntausenden Zuschauern stattfindet und zugleich trotzdem mehr denn je unter Beobachtung steht. Eine Situation wie die jetzige hat selbst der seit rund 20 Jahren im Trainergeschäft tätige Hecking noch nicht erlebt und dennoch ist er gewillt, das Beste aus ihr zu machen. 

Alles im Griff: Cheftrainer Dieter Hecking stimmte sein Team intensiv auf den Re-Start ein und war genau wie seine Spieler extrem froh, wieder auf dem Platz anpacken zu können.

Alles im Griff: Cheftrainer Dieter Hecking stimmte sein Team intensiv auf den Re-Start ein und war genau wie seine Spieler extrem froh, wieder auf dem Platz anpacken zu können.

Im Rahmen des Re-Starts äußerte sich Dieter Hecking über…

… die besondere Situation: Wir versuchen, diese ungewöhnliche Situation bestmöglich zu meistern. Von Normalität sind wir natürlich weit weg. Es ist nichts mehr so wie vorher. Die Abläufe haben sich komplett geändert und können immer wieder angepasst werden. Wir müssen als Mannschaft und HSV flexibel agieren und dabei unsere Stärke in den Vordergrund rücken. Wir haben eine gute Mannschaft. Das hat sie in allen Spielen gezeigt. Wir waren immer in der Lage, guten Fußball zu spielen. Darauf müssen wir uns fokussieren. Wir müssen das machen, was wir am besten können: Fußball spielen! Darauf gilt es, das Hauptaugenmerk zu legen. Ich möchte die ganzen Begleiterscheinungen von der Mannschaft fernhalten. Ansonsten läuft man Gefahr, dass der Fokus nicht mehr auf das eigentliche Spiel gerichtet ist.   

… die Vorbereitung auf den Re-Start: Es wäre wünschenswert gewesen, eine längere Vorbereitungszeit zu haben. Dennoch sind die Mannschaften seit fünf Wochen im Training. Die Spieler kommen nicht von null, sondern hatten in Form des Einzel- und Gruppentrainings eine gewisse Belastung. Man wird in den ersten Spielen sicherlich noch merken, dass die Spieler noch nicht bei 100 Prozent sein können, aber das geht am Ende allen Clubs so. Wir müssen für uns das Beste daraus machen. 

… Spiele ohne Zuschauer: Alles, was von außen kommt, können wir nicht beeinflussen. Was wir aber beeinflussen können, ist wie gewissenhaft wir die Mannschaft auf das jeweilige Spiel vorbereiten. Natürlich würden wir gern jedes Heimspiel vor 57.000 Zuschauern spielen wollen, aber das ist aktuell einfach nicht möglich. Damit müssen und werden wir uns arrangieren. Es ist klar, dass die Fans und die Atmosphäre fehlen, aber wir wollen und müssen dennoch unsere Leistung bestmöglich abrufen. 

… die Rolle des Fußballs in Corona-Zeiten: In den vergangenen Wochen hat man gesehen, dass es in vielen Bereichen unserer Gesellschaft Problemfelder gibt – nicht nur im Sport und im Fußball, sondern auch in vielen anderen Wirtschaftszweigen. Diese müssen wir unter Federführung der Regierung alle gemeinsam lösen. Ich glaube, dass wir erstmal froh sein dürfen, dass wir in Deutschland leben können. Denn wie wir hier mit der Corona-Krise umgegangen sind, das ist außergewöhnlich gewesen. Das spricht für uns und unsere Mitbürger, wir haben alle ein hohes Maß an Disziplin an den Tag gelegt. Wir befinden uns jetzt in einer Phase der Lockerung, in der wieder viel kritisiert wird. Das ist dann leider auch typisch deutsch. Es ist schade, dass die Stimmung direkt wieder kritischer wird. Denn bei aller Kritik am Fußball muss man diesen auch als Vorreiter sehen. Insbesondere die DFL hat eine herausragende Arbeit gemacht. Dass sie überhaupt in der Lage war, ein Konzept zu erstellen, auf das die Politik eingeht, wird für mich oft unter dem Teppich gekehrt. Es liegt aber richtigerweise jetzt an uns, dieses Konzept umzusetzen. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns als Clubs der Verantwortung, die uns übertragen wurde, bewusst sind.   

… das Team hinter dem Team: Wir haben einen herausragenden Staff. Was unsere Mannschaftsärzte Götz Welsch und Wolfgang Schillings hier neben ihrer eigentlichen Tätigkeit am UKE an Arbeit verrichten, das ist herausragend. Auch die Organisation durch unsere Teammanager Lennart Coerdt und Jürgen Ahlert ist hervorzuheben. Genauso hat jeder andere seine Rolle gefunden. Das ist ein riesiges Faustpfand, um die Herausforderung erfolgreich zu meistern. 

… die Personalsituation: Mit Julian Pollersbeck, Gideon Jung und Ewerton mussten drei Spieler kurz vor dem Wiederbeginn der Saison verletzt passen. Auch Jan Gyamerah fehlt verletzt und wir haben drei Spieler, die bei der nächsten Gelben Karte gesperrt sind. Zudem wird man als Trainer aufgrund von neun Spielen in sechs Wochen sicherlich auch mal rotieren müssen, da sich weitere Verletzungen nicht verhindern lassen werden. Insofern sollte jetzt nicht mehr allzu viel passieren. Aber die Spieler, die fit sind, haben sehr gut trainiert, sind auf einem guten Level und es haben sich auch neue Optionen ergeben.Jeremy Dudziak ist nach seiner Verletzung zurück, David Kinsombi zeigt sich stark verbessert und auch andere Spieler haben in der Pause aufgeholt. Stephan Ambrosius beispielsweise macht als Innenverteidiger einen großartigen Job, nachdem er in Folge seines Kreuzbandrisses lange Zeit unter dem Radar geflogen ist. Und man muss Xavier Amaechi hervorheben, der jetzt so richtig bei uns angekommen ist, in den letzten Wochen eine tolle Entwicklung genommen hat und es mit seinen 18 Jahren richtig gut macht. Wir haben einen guten Kader, der nicht nur fußballerisch gefallen kann, sondern der auch sehr eingeschworen ist auf unser großes Ziel. 

… das erste Spiel nach der Corona-Zwangspause: Gerade zu Beginn hat man in Fürth gemerkt, dass die Situation für alle Beteiligten ungewohnt war. Im Laufe der Partie war dann aber Feuer und Leidenschaft von beiden Mannschaften drin und es war ein interessantes Fußballspiel, dessen Ausgang uns aber natürlich geschmerzt hat. Der späte Ausgleich war unnötig, zumal wir vorher schon das dritte Tor machen müssen. Das ist extrem ärgerlich. Dennoch hat die Mannschaft insbesondere nach unserem 1:1 eine tolle Leistungssteigerung gezeigt und mit Blick auf die anderen Ergebnisse dürfen wir festhalten: Wir sind wieder Zweiter und haben damit zumindest ein Teilziel zum Start in den Saisonendspurt erreicht.