Kapitän AARON HUNT spricht im HSVlive-Interview über den Saisonendspurt unter ganz neuen Vorzeichen, das Spielen ohne Zuschauer und die besondere Rolle der Motivation. 

427 Pflichtspiele hat HSV-Kapitän Aaron Hunt im Profi-Fußball bestritten. Er hat vom Volkspark­stadion im hohen Norden über das Berliner Olympia­stadion im Osten und dem Ruhrstadion im Westen bis hin zum Schwarzwald­stadion im tiefen Süden in zahl­reichen großen wie kleinen Stadien der Bundes­republik seine Stollen­abdrücke hinterlassen. So viele Spiele, so viele Schau­plätze, an denen sich große Triumphe und bittere Nieder­lagen ereignet haben. Man hätte meinen können, dass der 33-jährige Mittelfeld­spieler in seinem ereignis­reichen Fußball­erleben damit schon alles gesehen und erlebt hat. Doch die Corona-Pandemie und ihr Einfluss auf das Spiel­geschehen in der 2. Liga stellen selbst für den so erfahrenen Routinier nochmals Neul­and dar. Welche Anreize, Heraus­forderungen und Besonder­heiten diese neuartige Situation mit sich bringt, darüber sprach Aaron Hunt im Interview mit dem HSVlive-Magazin.  

Aaron, du bist der älteste und erfahrenste Spieler im Kader, hast in deinem Profileben eigentlich schon alles erlebt und dennoch wartet mit dem Corona-bedingten Neustart der Saison jetzt nochmal eine komplett neue Herausforderung auf dich. Mit welcher Motivation gehst du in diese besondere Phase?
Meine größte Motivation war, ist und bleibt die Freude am Fußball. Ich bin extrem froh, dass ich nach der langen Pause überhaupt wieder kicken darf. Darüber hinaus haben wir als Mannschaft natürlich weiterhin ein großes Ziel vor Augen, das uns seit dem 1. Spieltag antreibt. Wir haben jetzt noch acht Spiele vor der Brust und die große Chance, dieses Ziel zu erreichen und aufzusteigen. Wer bei uns im Team jetzt nicht motiviert ist, der wäre fehl am Platz.   

Für eine besondere Motivation sorgen auch die Zuschauer im Stadion, die aufgrund der Corona-Pandemie nun fehlen werden. Wie wichtig ist für dich als Fußballer normalerweise diese Bühne?
Sehr wichtig, zumal wir sowohl bei Heim- als auch bei Auswärtsspielen immer von vielen tausenden Menschen unterstützt werden. Es wird dementsprechend ein komisches Gefühl sein, vor leeren Rängen zu spielen – besonders bei unseren Heimspielen, wenn plötzlich statt 57.000 Zuschauern nur noch sehr wenige Leute im Stadion sind. Für uns als Spieler ist das eine ganz neue Herausforderung, allein schon deshalb, weil man jetzt alles Gesagte auf dem Platz hört. 

Glaubst du, dass die Spiele ohne Publikum eher einen Vor- oder Nachteil für euch als Mannschaft bedeuten?
Wenn man es rein fußballerisch betrachtet, dann könnte ich mir vorstellen, dass es ein Vorteil sein kann. Denn wenn man nur das Spiel und die zwei Mannschaften nimmt, dann haben wir eine extrem hohe Qualität für diese Liga und diese setzt sich normalerweise durch. Vor allem wenn wir auswärts spielen, ziehen sich die gegnerischen Mannschaften mithilfe ihrer Fans an unglaublich vielen kleinen Dingen hoch – da reicht ein gewonnener Zweikampf, ein mutiger Torabschluss oder ein Fehlpass unserseits. Das alles wird jetzt erstmal wegfallen. 

Du freust dich darauf, trotz der ungewöhnlichen Umstände wieder spielen zu können. In Teilen der Bevölkerung stieß die Entscheidung von Politik und DFL, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, aber auch auf starken Gegenwind. Wie hast du diese Diskussion wahrgenommen?
Die Politik hat das Konzept der DFL beurteilt und daraufhin entschieden, dass wir wieder spielen können. Irgendjemand muss den Anfang machen und wenn dieses Konzept von politischer Seite für gut befunden wurde, dann sollte es seine Richtigkeit haben. Natürlich kann man dieser Entscheidung auch kritisch gegenüberstehen. Es wird immer Leute geben, die gegen etwas sind. Ihre Meinung muss man genauso akzeptieren. Wir sollten uns mit dieser Debatte aber nicht allzu sehr befassen, sondern uns so gut wie möglich auf unsere Aufgabe, den Fußball, fokussieren. Wir tun einfach alles dafür, um unserem Job wieder nachgehen zu können, so wie es alle anderen Branchen auch tun. Ich persönlich habe keine Befürchtungen und keine Angst, wieder Fußball zu spielen. 

Mainz’ Sportvorstand Rouven Schröder sprach im Zusammenhang mit dem fehlenden Publikum von einer Rückkehr des Straßenfußballs. Ohne Kulisse, ohne minutiöse Vorbereitung seien Tugenden „wie früher auf der grünen Wiese“ gefragt. Was erwartest du für Spiele?
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Spiele werden, in denen das eine oder andere Tor mehr fällt als sonst. Es kann durchaus Ergebnisse geben, die in der Höhe keiner erwartet hat. Denn am Ende können einige Spieler unter diesen Voraussetzungen vielleicht doch nicht ganz ausblenden, dass es ein Bundesliga- und kein Trainingsspiel ist. Vielleicht rückt die Taktik unterbewusst in den Hintergrund und es wird einfach drauflosgespielt, wie es auch in einem Trainingsspiel oder beim Kicken auf der Straße der Fall ist. Dementsprechend kann ich Rouven Schröder in seiner Aussage nur zustimmen.

Welche Dynamik ist dann innerhalb des Spiels zu erwarten. Geht es weniger heiß her?
Nein, das denke ich nicht, da im Elf-gegen-elf im Training ja mitunter auch richtig Feuer drin ist. Es kann zwar durchaus sein, dass zwei Teams, die im Mittelfeld der Tabelle stehen, in eine Art Lethargie verfallen, aber genauso gut kann sich ein Team in einen unaufhaltsamen Flow spielen, dem der Gegner durch die fehlenden Einflüsse von außen nichts entgegen­zusetzen hat. In einem leeren Stadion wird es um ein Vielfaches schwerer sein, nochmal zurückzu­kommen, wenn man nicht von Beginn an vom Kopf bereit ist.      

Apropos im Kopf bereit sein: Wie schwer fiel es dir in den Wochen der Ungewissheit, die eigene Motivation hochzuhalten?
Als Mannschafts­sportler ist es immer etwas schwieriger, die Motivation hochzuhalten, wenn man komplett allein trainiert. Zumal wir in den ersten Wochen ja mehr oder weniger nur laufen konnten. Da muss ich ehrlich zugeben, dass sich morgens beim Aufstehen meine Vorfreude in Grenzen hält, wenn ich weiß, dass ich in einer Stunde mehrere Runden um die Tartan­bahn in einer gewissen Zeit laufen muss. (lacht) Am Ende zieht man sein Programm als Profi aber natürlich diszipliniert durch. Sobald wir wieder in Klein­gruppen auf dem Platz trainieren konnten, war die Motivation dann direkt wieder ein Stück größer. Zumal ich weiß, was noch auf uns zukommt und was wir als Mann­schaft noch schaffen können.  

Wie sah bei dir die Zeit im Home-Office konkret aus? Hattest du trotzdem einen Fußball zu Hause und gab es privat auch positive Begleit­erscheinungen der fußballfreien Zeit? 
Na klar, ein Ball zum Jonglieren fliegt immer irgendwo bei uns in den vier Wänden herum. Gleichzeitig hatte es für mich als Familien­vater den Vorteil, dass ich viel Zeit mit meinem zweiten Sohn verbringen konnte. Besonders an den Wochenenden, wo man als Fußballer ja sonst meistens unterwegs ist. Er ist jetzt ein Jahr alt, das ist eine spannende Zeit. Insofern hatte diese schwierige Zeit, auf die wir alle liebend gern verzichtet hätten, wenigstens auch einige wenige positive Aspekte. Es ist immer, was man daraus macht.  

Inwieweit hat es dir aufgrund deiner Verletzungs­historie auch nochmal geholfen, eine zusätzliche „Pause“ in der Saison zu bekommen?
Ich weiß gar nicht, ob mir das persönlich geholfen hat, da ich nach dem Regensburg-Spiel eigentlich wieder gut drauf war. Nach meiner Verletzung hatte ich zuvor schon ein paar Spiele gebraucht, um wieder reinzu­kommen und meinen Rhythmus zu kriegen. Und dann kam die abrupte Pause. Letztlich haben alle Teams und Spieler aber die gleichen Voraus­setzungen. 

Machst du dir umgekehrt Sorgen, dass nun durch die kurze Vorbereitungszeit und womöglich mehr Spiele in einem kurzen Zeitraum die Verletzungs­gefahr steigt?
Nein, diese Angst habe ich nicht und das sehe ich eigentlich auch überhaupt nicht so. Auch wenn wir alle drei oder vier Tage spielen sollten, haben wir ein gutes Trainer- und Athletik­team, das die Belastung schon best­möglich steuert. Wir sind letztlich Profisportler, so dass ein Wett­kampf alle paar Tage schon drin sein sollte. Spieler, die zusätzlich in inter­nationalen Wett­bewerben oder der National­mannschaft spielen, haben diese Belastung ja auch über das gesamte Jahr. 

Du hast von eurem großen Ziel in den letzten acht Spielen gesprochen. Worauf wird es im Saison­endspurt konkret ankommen? 
Es wird sich eine Menge im Kopf entscheiden. Die Mannschaft, die die neue Situation am besten annimmt und verkraftet beziehungs­weise ausblenden kann, die wird am erfolgreichsten sein. Es kann gut sein, dass nicht immer der Favorit die Spiele gewinnt, wie es ansonsten vielleicht in 80 Prozent der Fälle ist, sondern die Mann­schaft, die die ganzen Umstände und Begeben­heiten am besten annimmt. Die Karten werden nochmal neu gemischt.  

Wie gut siehst du euch hierauf vorbereitet?
Wir haben ein tolles Trainer- und Staff-Team, das sich in den letzten Tagen und Wochen eine Menge einfallen lassen und nichts unversucht gelassen hat, um uns bestmöglich auf diese neue Situation vorzubereiten. Zudem haben haben wir einen sehr breiten Kader zur Verfügung. Wir haben natürlich ein ordentliches Rest­programm vor der Brust, mit direkten Duellen gegen Bielefeld, Stuttgart und Heidenheim. Aber wir haben in meinen Augen auch qualitativ eine der besten Mann­schaften der Liga und sind aufgrund unseres Ziels weiterhin hoch­motiviert.  

Wie muss man sich das Ausleben dieser Motivation unmittelbar vor dem Anpfiff zu einem Spiel ohne Zuschauer vorstellen? Fehlt da nicht etwas?
Ich bin grund­sätzlich kein Typ, der in diesem Moment noch eine Extra-Motivation braucht. Wir werden uns aber sicherlich innerhalb der Mann­schaft etwas einfallen lassen, um uns trotz der fehlenden Fans und äußeren Einflüsse vor dem Spiel heiß zu machen. Wir müssen uns da unter­einander immer wieder selbst hoch­ziehen, wenn wir merken, dass der eine oder andere vom Kopf her nach­lässt.

Was hältst du in diesem Zusammenhang von Motivationsansprachen?
In meiner Karriere gab es sicherlich die eine oder andere bewegende Ansprache in der Kabine, die dazu geführt hat, dass ich nochmal anders aufs Feld gelaufen bin. So eine Ansprache muss aber immer zu dem jeweiligen Spiel passen. Das ist nicht planbar. Ich bin kein Freund davon, wenn man sich Wochen vorher Worte und Ansprachen überlegt. Die wirken dann meist aufgesetzt und kommen nicht an. Es muss aus dem Moment heraus passieren, um etwas zu bewirken und es muss nicht immer der Trainer sein. Auch ein Physiotherapeut, Zeugwart oder Busfahrer, der nicht immer in vorderster Reihe steht und von dem man es nicht erwartet hat, kann sehr emotionale Worte finden. Ich bin sicher, dass diese Rolle jemand in unserem Team ausfüllen kann.