Fürth, 13. März 2020, in den Katakomben des altehrwürdigen Ronhofs: Die Zeugwarte hatten schon alles akkurat angerichtet …

Für Viele war es eine kleine Erlösung, als Schieds­richter Robert Hartmann am Fürther Ronhof in seine Pfeife blies und die Partie des 26. Zweitliga-Spieltags freigab. Endlich wieder Fußball! Endlich wieder HSV! Manche hatten schon nicht mehr daran geglaubt. Doch 65 Tage bzw. exakt 1.565 Stunden nach dem ursprünglich vorge­sehenen Termin kam die Kugel doch noch ins Rollen. Der Anpfiff als Abpfiff. Er markiert – einmal abgesehen von einge­planten Sommer- und Winter-pausen – das Ende der längsten fußball­losen Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch Corona ist nicht die Krönung. Das Nachhol­spiel in Franken war längst nicht das, auf das die HSVer am längsten warten mussten. Ein Blick in die kuriose HISTORIE DER HSV-SPIELAUS­FÄLLE.

Die Adiletten in Reih’ und Glied – ein Anblick, den man gerne sieht! Doch leider schlüpfte an diesem Freitag­abend keiner in die bereit­gestellten Bade­latschen hinein. Was soll das? – Das fragten sich am 13. März in Fürth nicht nur die Zeug­warte, die alles so schön vorbereitet hatten. Alles fertig, die Sinne geschärft, die Muskeln angespannt und dann … nix! Extrem frustig.  

Die Liste der kurzfristigen Spiel­absagen und Nachhol­termine ist lang. Seit Einführung der Bundesliga zur Saison 1963/64 waren bis zu Beginn dieser Spielzeit 68 HSV-Punkt­spiele dokumentiert, die nicht an dem ursprünglich vorgesehenen Datum durchgeführt werden konnten. Die Corona-Pandemie erweiterte nun das Ausfall- und Nachhol­spiel-Register auf einen Schlag um neun weitere Kapitel.

HSV „krankgeschrieben“
Aus „gesund­heitlichen Gründen“ konnte man zuvor nur einmal nicht kicken. Im April 1996 war das, als HSV-Vereins­arzt Ulrich Mann sich beim Protokoll der „Verletzungs­situation verbunden mit Arbeits­unfähigkeit“ die Finger wund schrieb. Das von A wie Albertz bis S wie Siedschlag sortierte Bulletin des Mediziners umfasste 16 Akteure. Das reichte dann auch dem DFB. Mit Blick in Paragraph 13a seiner Spiel­ordnung, der mindestens sieben einsatzfähige Lizenz­spieler, darunter einen Torhüter, vorschreibt, stellte der Verband fest, dass für den HSV die Austragung des Punkt­spiels gegen Leverkusen „extrem sport­widrig und nicht zumutbar“ sei. Anders als zwei Tage zuvor, als man – bei ähnlich ange­spanntem Kranken­stand – der HSV-Bitte um Verlegung des Spiels bei Hansa Rostock nicht nachge­kommen war. Trainer Felix Magath hatte das auf seine Art kommentiert, indem er kurz vor Schluss beim Spiel­stand von 0:2 öffentlichkeits­wirksam Ersatz­keeper Holger Hiemann für Stürmer Daniel Stendel einwechselte und Stamm­torwart Richard Golz in den Angriff beorderte.

„Schönwetter­stadion“ im Volk­spark
Meist war jedoch das Wetter Schuld, dass die HSV-Spiele nicht plan­mäßig durch­geführt werden konnten. Die mächtige, offene Beton­schüssel des alten Volks­parks, „ein Schön­wetterstadion“, wie das Abend­blatt 1982 moserte, war für Wetter­kapriolen besonders anfällig. Legendär, die Situation im Dezember 1963, als die Arena bei der Begegnung mit Borussia Dortmund in einer dichten Nebel­suppe versank, die jedem Edgar-Wallace-Streifen zur Ehre gereicht hätte. Abpfiff in Minute 63 – der erste von bis heute nur sieben Spiel­abbrüchen der Bundesliga-Geschichte. Die Zuschauer konnten da schon lange nichts mehr erkennen, und der pfeifende und singende Charly Dörfel auf Links­außen war für Schieds­richter und Mitspieler nur noch zu hören. 

Deutlich häufiger noch als Nebel erwischten Schnee und Eis den HSV kalt. Etwas intensiverer Flocken­fall und Frost bedeuteten schnell das Aus. Angesichts einer nicht existenten Rasen­heizung hatte Klubikone Uwe Seeler schon zu aktiven Zeiten festgestellt: „Wir leben im Atom­zeitalter. Doch wir spielen Fußball auf Plätzen wie vor 100 Jahren. Ist das nicht eine Katastrophe?“ Eine regelmäßige Winter­pause wurde in Deutschland erst zur Spielzeit 1986/87 eingeführt, eine Rasen­heizung in der HSV-Spielstätte erst bei deren Neubau im Jahr 1998 realisiert. Bis dahin fielen so immer wieder Spiele auch sehr kurzfristig Nieder­schlägen und Minus­graden zum Opfer. Das Problem: Nicht nur der Rasen, sondern auch die Tribünen, Zuwegungen und Park­flächen mit enormem finanziellem Aufwand (geschätzt wurden seinerzeit Kosten von 150.000 bis 300.000 DM pro Spiel) geräumt werden mussten. Das war in der Regel nicht stemmbar.

Kein Durch­blick im Volkspark: Wo ist bloß der Ball, fragte sich im Dezember 1963 nicht nur National­torwart Hans Tilkowski (Foto links). Dichter Nebel verschluckte eine Dortmunder 2:1-Führung. 14 Tage später gewann der HSV die neu­angesetzte Partie – sein erstes Bundesliga-Nachhol­spielspiel – mit 2:1.

Außer Spesen nichts gewesen
Besonders ärgerlich waren und sind kurz­fristig vermeldete Absagen natürlich für sich bereits auf der Anreise befindliche Akteure und Anhänger der Auswärts­teams. Mit tragisch wenig Fortune bedacht waren dabei die Sport­freunde aus Düsseldorf, die für die beiden Gast­spiele in den Jahren 1982 und 1983 allein sieben (!) Anläufe und (Anfahrten) benötigten. Starker Tobak selbst für rheinische Frohnaturen. Und Gitte trällerte dazu: „Ach, wärt Ihr doch in Düssel­dorf geblieben!“ 

Der bislang nervigste HSV-Trip? Eindeutig Anfang 1999, als drei Versuche, in Bochum zu spielen, infolge Starkregens buch­stäblich ins Wasser fielen. Als es endlich klappte, gab es an der Ruhr auch noch mit 0:2 auf die Mütze. 

Fan-Frust Ende der 1970er Jahre (Zeitungs­ausrisse): Umsonst aber nicht kosten­los aus dem Schwarzwald und Schweden angereist

Rettungen: Räum­kommandos, Rotoren, Ratio
Manches Mal wurde die Austragung von HSV-Spielen im letzten Moment aber auch noch gerettet. Muskelkraft und Hirnschmalz sei Dank: Die HSV-Räum­kommandos vor den Heim­spielen gegen Köln (1970), Stuttgart (1979, gemeinsam mit der Mannschaft), Dresden (1994) und in Unter­haching (1999) genießen in Fankreisen Legenden­status – schipp, schipp, hurra! Extra­klasse auch der technisch anspruchs­volle Auftritt der Höhen­retter der Hamburger Feuerwehr, die im März 2006 mit Kletterei und Hubschrauber­einsatz eine Lawinen­gefahr bannten und so erst den 3:0-Heimsieg über Kaisers­lautern ermöglichten. Nachträglich in die DFL-Scorer­liste eingetragen werden sollte dazu die Besatzung des Kranwagens, die im Oktober 2007 einen vom Herbst­sturm gelockerten Riesenbuch­staben des Namens­sponsors auf dem Arena­dach wieder fixierte. Als anschließend doch noch ange­pfiffen werden konnte, erzielte Ivica Olic gegen den VfB Stuttgart seinen sehr schmucken lupen­reinen Hattrick. 

Ebenfalls unbedingt erwähnenswert: die pfiffige Rettung des Freitag­abend-Spiels in Dortmund im Mai 1985: Unbekannte hatten zwischen Straf­raum und Mittel­linie auf weißen Riesen­lettern in den Rasen gesprayt: „Boykottiert und sabotiert die Volks­zählung“. Weil die Farbe mit chemischen Mitteln nicht ohne Schädigung des Rasens entfernt werden konnte, wählten Dortmunder Sportamt und Polizei nach Rück­sprache mit Staats­oberhaupt Richard von Weizsäcker eine unbüro­kratische wie unkonventionelle Lösung: Zur Boykott-Parole ließen sie am Anfang die Worte „Der Bundespräsident:“ und am Ende ein „nicht“ in ebenfalls zwei Meter großen Buchstaben auf die Spielfläche pinseln und verwandelten die Anti-Parole so kurzerhand in Werbung. 

Nicht immer jedoch ließ sich Sabotage vermeiden …

Spiele-Retter mit Herz, Muskelkraft und Verstand (v.l.): HSV-Fans, die eine Schippe drauflegten (März 1970), die Kletter-Maxe der Hamburger Feuerwehr (März 2006), schwindelfreie Kranführer (Oktober 2007) und clevere Beamte (Mai 1985).

Spiele-Retter mit Herz, Muskelkraft und Verstand (v.l.): HSV-Fans, die eine Schippe drauflegten (März 1970), die Kletter-Maxe der Hamburger Feuerwehr (März 2006), schwindelfreie Kranführer (Oktober 2007) und clevere Beamte (Mai 1985).

„Wenn der Schnee geschmolzen ist, siehst du, wo die Kacke liegt.“
Der viel­zitierte Ausspruch des seligen Fußball-Philosophen Rudi Assauer passt gut zur Episode rund um das Bundesliga-Auswärts­spiel des HSV im November 1985 bei Eintracht Frankfurt. Mit gebührendem zeitlichen Abstand (Verjährung) kolportierte der Buchautor Jörg Heinisch in seiner 2007 veröffentlichten Anekdoten-Sammlung die wahren Umstände des Spiel­ausfalls: Angesichts einiger kurzfristig erkrankter Leistungs­träger hatte Eintracht-Trainer Dietrich Weise die Erfolgs­aussichten gegen den mit einer Erfolgs­serie von sechs unge­schlagenen und gegentor­losen Spielen anreisenden HSV als extrem gering taxiert. „Dann müssen wir das Spiel ausfallen lassen!“, erklärte daraufhin Vize­präsident Klaus Mank und ließ ohne Kenntnis des Trainers die „Operation Spiel­absage“ anlaufen. Im Hand- und Hahn­umdrehen gewann er Verbündete bei der Freiwilligen Feuerwehr, die den Parkplatz am Wald­stadion unter Wasser setzte, was aufgrund des noch liegenden, aber bereits abtauenden Schnees nicht allzu verdächtig war. Wegen der morastigen Zuwege wurde das Spiel tatsächlich gestrichen, die Neu­ansetzung einige Tage später gewann Frankfurt zur allgemeinen Überraschung mit 3:0.

Ordnung muss sein! 
Bleibt noch die Antwort auf die Frage nach der längsten Wartezeit auf ein HSV-Nachhol­spiel. Sie überrascht, denn Corona ist nicht die Krönung (siehe Tabelle). Für die bisherigen (und hoffentlich ewigen) Rekord-Werte sind Termin­probleme verantwortlich. Gepaart mit hanseatischer Ordnungs­liebe. 1922 etwa holte man mit mehr als viereinhalb­monatigem Verzug das noch ausstehende Punkt­spiel bei Normannia Harburg nach. Die HSVer hatten wenige Tage zuvor die zweite Episode des extrem nerven­aufreibenden und insgesamt 294 Spiel­minuten währenden Ringens um die Deutsche Meister­schaft gegen den 1. FC Nürnberg absolviert (2:2 n.V. und 1:1 n.V.). „Unendliche Endspiele“ – „endliche Saison“: Obwohl physisch und psychisch völlig am Ende, ließen es sich die Spieler eine Woche später nicht nehmen, noch zum sportlich völlig bedeutungs­losen Kick im Süder­elbischen anzutreten, der zuvor dem Termin­stress zum Opfer gefallen war. Dienst ist Dienst! 

Saubere Sache! Lange unvollständig, am Ende mit knapp einem Jahr Verzögerung doch noch komplettiert: Die Abschlusstabelle der Bereichsliga Nordmark 1940/41.

Noch getoppt wurde dies 20 Jahre später, als man mitten im Krieg und nach fast einem Jahr (!) endgültig einen Haken hinter die Spielzeit 1940/41 machte. Auch dieses Spiel war sportlich eigentlich eine Farce, da beide Teams längst mit völlig verändertem Kader agierten. Für Statistiker stellt der sehr nach­trägliche 6:2-Sieg über „unver­drossen kämpfende Barmbecker“ vom 22. März 1942 vor 1.500 Augen­zeugen am Rothen­baum jedoch eine kleine funkelnde Perle in der HSV-Schatzkiste dar: Die Rauten­träger knackten so nämlich noch die 100-Tore-Marke und komplettierten mit dem 22. Sieg im 22. Spiel eine „perfekte Saison“ in der Bereichsliga Nordmark.

Quelle: Broder-Jürgen Trede