Sportvorstand JONAS BOLDT spricht im großen HSVlive-Interview über Corona-bedingte Umstände, Geisterspiele, unersetzbare Fans, Leihspieler und seine Haltung zum Thema Veränderungen.

Der erste Geisterspieltag liegt hinter dem HSV und war gleich mit einer Frustprobe versehen, dem späten Ausgleichstor in Fürth. Haben Sie sich von dem Ärger schon erholt?
Wir haben keine Zeit, uns länger mit Frust­erlebnissen zu befassen, wenn wir fokussiert die nächste Aufgabe angehen wollen. Alle Beteiligten, Spieler, Trainer und sonstigen Begleiter unseres Teams wissen ja selbst gut genug, warum uns keine drei Punkte gelungen sind. Wir müssen daraus lernen, solche Spiele schnellst­möglich mit einem Deckel zu versehen oder eben das Spiel­geschehen in den letzten Sekunden von unserem Tor fernzuhalten.

Wie waren ansonsten Ihre sportlichen Erkenntnisse des ersten Auftritts nach rund zehn Wochen Corona-Pause?
Positiv fand ich, dass wir in mehreren Phasen der Partie unsere Spiel­idee einbringen konnten, uns Überzahl­situationen erarbeitet haben und Torchancen hatten. Im Umkehr­schluss muss man aber auch sagen, dass den Spielern natürlich erkennbar Spiel­praxis fehlt und es jetzt auch darum geht, in einen guten Spiel­rhythmus zu finden. Man hat vielen Spielern zwischen der 65. und 70. Minute angemerkt, dass die Kräfte nachließen und damit die Fehler­quote auf beiden Seiten erheblich anstieg. Das ist ja aber auch nachvollziehbar.

Wie betrachten Sie insgesamt den Verlauf und das Ergebnis der „dritten Saison­vorbereitung“?
Wir haben meines Erachtens das Best­mögliche aus der Gesamtlage gemacht und sehr fokussiert gearbeitet. Das begann bei den Individual­programmen mit Ergometern im Heim­training, mit ungewöhnlichen virtuellen Team­meetings, setzte sich fort über das Kleingruppen­training und mündete dann in sehr zielgerichtete Einheiten des erlaubten Mannschafts­trainings. Wir haben eine gute Mischung aus Corona-bedingten Neuregeln des Umgangs, der Distanz und Hygiene mit Fußball­trainingseinheiten hinbekommen. Dazu gehört nicht nur die Flexibilität des Trainer- und Betreuerstabs, um auch in die neuen Abläufe schnellst­möglich Routine hineinzubekommen, sondern auch die Bereit­schaft und Motivation der Spieler, sich auf all das einzulassen und als Einheit weiterhin unsere Ziele zu verfolgen. Ich habe in den vergangenen Wochen immer mal wieder reingehört und habe mich sehr gefreut, dass alle Spieler mit Spaß und voller Eifer bei der Sache waren und sind. Diese Mixtur werden wir auch in den kommenden Wochen brauchen.

Das Thema Geisterspiele hat vor allem für allerlei öffentliche Diskussionen gesorgt und immer wieder neue Experten auf den Plan gerufen. Haben Sie das alles mitverfolgt, was hat das in Ihnen ausgelöst?
Natürlich habe ich mir Diskussionen mit Substanz angehört oder durchgelesen, aber wirklich alles wollte ich mir nicht zumuten. Während der aus meiner Sicht von der DFL sehr guten und hoch­professionellen Vorbereitungs­zeit der nun erfolgten Saison­fortsetzung gab es ja auch immer mehr Menschen, die sich über das Thema Corona und Fußball-Bundesliga offenbar profilieren wollten. Aber auch das war und ist nicht überraschend. Der Profi­fußball eignet sich nach wie vor hervorragend, um öffentliches Interesse hervorzurufen, um zu polarisieren oder auch Sozialneid zu schüren.

Wie stehen Sie zur grundsätzlichen Ablehnung der Geisterspiele durch die organisierte Fanszene?
Auch hier muss man etwas tiefer in die Thematik einsteigen und sollte sich nicht an unreflektierter Schwarz-Weiß-Betrachtung orientieren. Wir beim HSV pflegen einen regelmäßigen Austausch mit der organisierten Fanszene, die uns in persönlichen Gesprächen ihre Haltung und ihren Umgang mit Geisterspielen erläutert hat. Auf der anderen Seite konnten wir genauer erklären, wie wir zu den Partien ohne Zuschauer stehen und warum wir uns trotz des Umstands, dass unsere treuen Fans nicht dabei sein können, über die Möglichkeit zu spielen freuen. Auch in der Nachbetrachtung des nun absolvierten 26. Spieltags fand ich es wichtig und richtig, dass wir diese Art Sonderspielbetrieb umgesetzt haben, der zum Fortbestand vieler Clubs unumgänglich ist. Und ich freue mich darüber, dass wir mit diesem Schritt als deutscher Fußball eine weltweite Vorreiterrolle einnehmen und zumindest einen ersten Schritt zurück zur Normalität bewältigen können. Das darf nur nicht missinterpretiert werden. Es war und ist ganz eindeutig, dass wir unsere Anhänger zu keinem Zeitpunkt versuchen werden zu ersetzen. Wie sollte das auch gehen?!  Die Stimmung bei Heimspielen, der Support von der Nordtribüne, Choreos, Gesänge – das alles können und wollen wir nicht ersetzen oder imitieren. Wir nehmen die Spiele ohne Publikum so an, wie sie sind. Und wir freuen uns umso mehr darauf, dass wir hoffentlich in absehbarer Zeit wieder mit unseren Fans im Rücken Spiele gemeinsam erleben können.

Verändern die Geisterspiele für Sie persönlich etwas,wenn sie die Partien von der Tribüne aus verfolgen?
Bei der Betrachtung und Bewertung des Spiels ändert sich natürlich etwas, weil die begleitende Kulisse und damit auch die Atmosphäre nicht mitreißend ist bei so einem eigentlich emotionalen Erlebnis. Gewöhnen möchte ich mich an diesen Zustand gar nicht. Ich habe während unserer Spiele auch immer emotionale Momente, bei denen ich mich nun vielleicht auch mal ein bisschen zügeln muss, weil nicht jeder Kommentar für die TV-Zuschauer geeignet wäre.

Mit dem Heimspiel gegen Bielefeld und dem dann folgenden Auswärts­match in Stuttgart stehen innerhalb von fünf Tagen die direkten Duelle gegen die aktuell schärfsten Konkurrenten um den Aufstieg an. Glauben Sie, dass diese Spiele eine Vorentscheidung mit sich bringen werden?
Nein.

Können Sie das bitte ein wenig konkretisieren?
Bei den noch ausstehenden acht Spiel­tagen sind für jeden Club 24 Punkte zu holen. Da ist es schon rechnerisch unwahrscheinlich, dass Vorentscheidungen fallen. Daher ist die aktuelle Tabelle aussagekräftig genug. Bielefeld hat sich ein Punkte­polster erarbeitet, das wir am Sonntag etwas verkleinern wollen. Und um den VfB Stuttgart werden wir uns erst Gedanken machen, wenn der nächste Spieltag absolviert wurde.

Ist es denn ein Vor- oder Nachteil, gegen Tabellen­führer Bielefeld im fast leeren Volkspark­stadion zu spielen?
Das kann ich nach dem Abpfiff sagen. Nein, mal im Ernst: Da gibt es so viele unterschiedliche Einschätzungen auf dem Markt, dass ich mich an der Bewertung nicht beteiligen möchte. Wir können eh nichts daran ändern. Entscheidend wird sein, mit welcher Strategie wir den bislang sehr stabilen Arminen begegnen werden und ob wir unsere Qualitäten alle auf den Platz bekommen.

Wir würden mit Ihnen gerne noch ein bisschen über lang­fristigere Themen sprechen, zum Beispiel die Zukunftsplanung. Dass Sie aufgrund der Tabellen­lage permanent zweigleisig planen müssen, dürfte ja schon manches Personal­gespräch schwieriger gestalten. Wird es durch die Corona-Komponente noch komplizierter, weil die finanziellen Schäden in ihrer Gänze noch gar nicht absehbar sein können?
Ich würde es so formulieren: Es macht die Planungen einerseits nicht einfacher, aber andererseits betrifft diese Hürde nahezu alle Clubs weltweit, das gleicht es aus. Wir beschäftigen uns schon seit Monaten mit Zukunfts­planungen für die Bundesliga und für die Zweite Liga. Beide gehen wir ernsthaft, akribisch und sehr professionell an.

Unter Ihrer Regie scheint das Thema „Verleihspieler“ einen neuen, höheren Stellen­wert bekommen zu haben. Warum lohnen sich solche Deals für den HSV?
Hier ist es wie bei vielen anderen Themen im sportlichen Bereich auch: Man kann sie nicht pauschal betrachten, sondern muss eine Einzelfall­bewertung vornehmen. Wenn man Spieler nur verleiht, weil man sie vorübergehend von der Gehalts­liste streichen will, dann kann einem der Abnehmer eigentlich egal sein. Wenn man mit den betroffenen Spielern aber einen konkreten Plan verfolgt und diesen auch mit ihnen persönlich bespricht, wenn man sie während ihrer Leihzeit beobachtet und sich mit ihnen austauscht und auch bei ihren Clubs mal reinhört, dann kann sich das für einen Club wie uns maximal auszahlen. Wir sind mit unseren aktuellen Leih­spielern so umgegangen und freuen uns bei jungen Profis wie Jonas David oder auch Aaron Opoku, dass sie bei ihren Vereinen in Würz­burg und Rostock wertvolle Spiel­praxis und Erfahrungen sammeln konnten. Natürlich laufen Leih­geschäfte nicht immer so gut, aber auch dann muss man sich die Alternativ­lagen für die Spieler anschauen, die womöglich im eigenen Club wenige bis keine Einsatz­chancen hätten. Und – bevor die Frage kommt – natürlich stehen wir auch im Aus­tausch mit unseren anderen verliehenen Profis Berkay Özcan, David Bates und Manuel Wintzheimer.

Und wie sieht es mit geliehenen Spielern aus? Ist es nicht frustrierend, wenn Spieler wie beispielsweise Adrian Fein oder Jordan Beyer beim HSV einen tollen Entwicklungs­schritt machen und am Saisonende dann vielleicht zu ihren Stammclubs zurück­beordert werden?
Ich finde das überhaupt nicht frustrierend oder demotivierend. Auch in diesen Fällen muss man sich die Frage stellen: Wie sähe die Alternative aus? Dass diese Spieler gar nicht gekommen wären und der Kader damit qualitativ nicht so ausgeglichen und stark wäre? Wenn Spieler, die an den HSV verliehen werden, bei uns einen Entwicklungs­sprung machen, viele Einsatz­zeiten bekommen und sich im besten Fall sogar als Führungsfiguren erweisen, dann unterstreicht das die Richtigkeit des Leihgeschäfts und die Einschätzung der sportlich Beteiligten beider Clubs. So ergibt sich eine Win-win-win-Situation für den abgebenden Club, für den Spieler und den aufnehmenden Verein. Alles Weitere ist den Beteiligten bekannt, wenn der Deal beschlossen wird. Darum halte ich nichts davon, mich im Nach­gang darüber zu beklagen.

Sie selbst sind einst über das Scouting in den Profi­fußball vorgestoßen und haben in diesem Bereich bei Bayer Leverkusen über Jahre große Erfolge erzielen können. Verändert sich das Scouting durch Corona?
Das glaube ich nicht. Der Zustand, dass Vereine und Scouts ausschließlich Präsenz­sichtungen in Stadien vorgenommen haben, ist schon seit mehreren Jahren überholt. Die meisten Clubs praktizieren Video- und Präsenz­scouting. Dass aktuell keine Spiele von Scouts besucht werden können, bedeutet für uns in der aktuellen Phase keinen Nachteil, weil es ja wieder alle Vereine betrifft. In den vergangenen Wochen ohne Wettbewerbs­spiele haben unsere Scouts sehr viel zu tun gehabt, die Video-Datenbanken dürften weltweit maximale Zugriffe gehabt haben. Spannend könnte es werden, wenn die Club­scouts über einen sehr langen Zeitraum keinen Zutritt zu Live­spielen im Stadion bekommen würden. Das könnte das Stellenprofil für diese Branche dann doch erheblich verändern, weil dann noch mehr technische und digitale Skills gefragt wären.

Als Sportvorstand sind Sie für den gesamten sportlichen Bereich verantwortlich. Woran messen Sie sich selbst?
An der sportlichen Gesamtentwicklung, so wie es mit dem Aufsichtsrat vereinbart ist. 

Das Kontrollgremium hat seinerzeit bei Ihrer Verpflichtung einen Veränderungsprozess gefordert, um die Rückschritte und Stagnation der Vorjahre hinter sich zu lassen. Sehen Sie sich als Veränderer?
Das wäre mir zu pauschal formuliert. Ich bin für Veränderungen bereit, wenn ich sie für notwendig halte. Aber dafür bedarf es vorher immer einer sehr klein­teiligen Analyse und einer konkreten Ziel­setzung. Ich halte nichts davon, alles neu zu machen und anders, nur um ein vermeintliches Zeichen zu setzen. Für uns beim HSV muss es immer um Inhalte, um richtige Strategien und richtige Entscheidungen im Sinne des Clubs gehen.

Haben Sie sich persönlich in Ihrer Zeit beim HSV schon verändert?
Veränderungs­prozesse haben auch immer etwas mit dem Umfeld zu tun. Ich hoffe, dass ich mich weiterentwickelt habe. 

Eine Abschluss­frage noch: Ist der HSV für Sie ein schlafender Riese, ein normaler Proficlub mit dem Schatten eines Riesen oder etwas ganz Anderes? 
Der HSV ist ein Proficlub mit außer­gewöhnlichen Fans, mit leistungs­bereiten und leiden­schaftlichen Mitarbeitern, mit einem sehr sensiblen Umfeld und mit jeder Menge Potenzial, das durch viel Arbeit, gemein­schaftliche Bestrebungen, Vertrauen und Verläss­lichkeit auf unterschiedlichen Ebenen sowie Geduld hoffentlich gehoben werden kann.