Ein halbes Jahr nach seinem Waden­beinbruch ist Jan Gyamerah zurück im Mannschafts­training der Rothosen. Die Redaktionen von HSVtv und HSVlive haben den Rechts­verteidiger auf seinem langen Weg zurück regelmäßig getroffen, gesprochen und einen Einblick gewonnen in die Gedanken­gänge und Gemüts­lagen, die einen Profi­sportler nach einer so schwer­wiegenden Verletzung bewegen. Ein Blick hinter die schöne Fassade der schillernden Fußballwelt. 

Den 4. März 2020 wird Jan Gyamerah nicht so schnell vergessen. Es war der Tag, an dem er erstmals nach seinem Waden­beinbruch wieder voll mit der Mann­schaft trainieren konnte – und anschließend mit einem breiten Grinsen den Platz verließ. „Es war ein geiles Gefühl“, brach es aus ihm heraus, „auf diesen Moment habe ich die ver­gangenen Monate hinge­arbeitet und ich bin einfach mega glücklich, dass ich wieder mit der Mann­schaft trainieren kann.“ Knapp sechs Monate waren an diesem 4. März vergangenen, seit sich am 11. September des Vorjahres der Moment ereignet hatte, den „Gyambo“ heute als Unfall bezeichnet, als etwas, das einfach passieren kann. 

In dem Augenblick, als im Trainingsspiel ohne Einwirkung eines gegnerischen Spielers ein lautes Krachen alle Mannschafts­kameraden, den Trainer­stab und auch die anwesenden Zuschauer und Medienvertreter schockte, war an diese sach­liche Einordnung natürlich noch nicht zu denken. „Ich wusste, dass da etwas kaputt­gegangen war“, erinnert er sich an den Augenblick, als sein linker Fuß in einem völlig unnatürlichen Winkel abstand und das Bein heftigst schmerzte. Co-Trainer Dirk Bremser war einer der ersten, der bei Gyamerah war und das Unheil sofort wahrnahm. „Ich hatte als Spieler genau die gleiche Verletzung“, erinnert sich Bremser, „und als ich Jans Bein und den Fuß sah, wusste ich sofort, was passiert war.“ Das Waden­bein war gebrochen, es hatte beim Aufkommen auf den Boden einfach nachgegeben. „Das war für uns alle natürlich ein riesiger Schock“, weiß Dieter Heckings Co-Trainer noch heute, die Bilder von den auf den Trainings­platz fahrenden Kranken­wagen haben er und alle Spieler bis heute nicht vergessen. Es war der Tag, an dem für Jan Gyamerah der lange Weg zurück begann.

»Dann sah ich das Foto – es war ein un­glaub­liches Gefühl, so von der Mann­schaft aufge­fangen zu werden«

Erst die Operation, dann die Gewiss­heit, was genau passiert ist und dass nun ein sehr langer Weg vor ihm liegt – Jan Gyamerah beschreibt die ersten Tage nach dem Unfall heute als „schon ganz schön heftig“. Die Schmerzen waren das eine, die Aussicht auf die sehr lange Pause tat ihr Übriges. „Ich wusste, dass es fünf bis sechs Monate dauern wird, bis ich wieder dabei sein kann. Mein Ziel war von Beginn an, in dieser Saison nochmal zu spielen. Aber ganz ehrlich: Das war zu dem Zeitpunkt noch sehr, sehr weit weg.“ Da half es, dass sich – nachdem unmittelbar nach der OP seine Freundin Paulina und Berater Jan Mendelin an seinem Bett saßen – nahezu die gesamte Mann­schaft in den ersten Tagen im Kranken­haus versammelte. Der Erste war direkt am Morgen nach der OP Video­analyst Alex Hahn, alle anderen aus sportlicher Führung, Staff und der Mannschaft gaben sich anschließend die Klinke in die Hand, brachten gute Wünsche und teilweise sogar Essen für die Seele mit. Und toppten diesen Zusammen­halt kurz darauf noch mit einer Aktion, die den 24-Jährigen heute noch kurz schlucken lässt: Fünf Tage nach der Verletzung lief das gesamte Team vor dem Stadt­duell beim FC St. Pauli in seinem Trikot mit der Rückennummer 2 auf den Platz und in die Kurve der HSV-Fans. „Das war der absolute Wahnsinn! Ich wusste nichts von der Aktion, keiner der Jungs hatte etwas verraten. Und dann schrieb mir irgendwann unser Team­manager: ,Gyambo, du bist immer dabei!‘ Und dann sah ich das Foto.“ Jetzt muss Jan kurz Pause machen, um dann fortzufahren: „Das war schon ein unglaub­liches Gefühl, so von der Mannschaft aufge­fangen zu werden, zumal das ja nicht die erste Aktion in dieser Saison war, die vom gesamten Team mit Leben gefüllt wurde. Wir haben in dieser Saison schon einiges erlebt und weggesteckt und als Gruppe einen krassen Zusammenhalt gezeigt. Da am eigenen Leib zu erleben, wie geschlossen hinter dem jeweiligen Kollegen gestanden wird, das fand ich beeindruckend.“

Ein besonderer Moment: Nach der schweren Verletzung von Jan Gyamerah lief am darauf­folgenden Spieltag das gesamte HSV-Team in seinem Trikot auf.

Für das Gemüt und den Kampfes­­willen Gyamerahs waren diese Gesten Gold wert. Dennoch: Die ersten Tage nach der Operation waren schwer. Nicht nur für Jan selbst, sondern auch für sein Umfeld. „Meine Freundin hat sich extrem gekümmert, und zwar 24/7, denn ich war ja mehr oder weniger bewegungs­­unfähig“, denkt er dankbar an die Zeit zurück, als er das Krankenhaus verlassen konnte und wieder zu Hause war. In den eigenen vier Wänden. Aber nicht auf eigenen Beinen. „Ich brauchte wirklich viel Hilfe“, kann er heute darüber schmunzeln, dass sehr viel Unter­stützung notwendig war, um klarzu­kommen. „Ich habe in dieser Zeit viel über die Aktion und ihre Folgen nachgedacht. Am Ende habe ich mir aber gesagt: Es ist ja nur etwas gebrochen, das wird wieder heilen. Dieser Umstand hat mir Kraft und Zuver­sicht gegeben.“ Aber nicht gänzlich die Schmerzen genommen. Die körperlichen auf der einen, die mentalen auf der anderen Seite. Denn von einem Augenblick auf den anderen war er, der im Sommer 2019 neu zum HSV gestoßen war und sich direkt einen Stammplatz hinten rechts in der Vierer­kette erkämpft und erspielt hatte, außen vor. Weg vom Team. Und ohne Chance, den Kollegen in irgendeiner Art und Weise zu helfen. Für einen Mannschafts­sportler ist dieser Zustand oft schmerz­hafter als das pochende und zwickende Bein. „Zu Beginn konnte ich nicht einmal als Zuschauer ins Stadion, ich musste das Bein hochhalten, weil es sonst zu sehr wehtat“, hat der gebürtige Berliner die ersten Spiele nach der OP noch genau vor Augen und sagt: „Nicht wenigstens live dabei sein zu können, schmerzte noch mehr, als es ohnehin schon wehtat, den Jungs zuschauen zu müssen und nicht mitmachen zu können. Aber so war es nun einmal und ich habe mich dann recht schnell mit der Situation arrangiert.“ Auch wenn das Zuschauen vorm TV oder später auf der Tribüne absolut nichts für ihn ist. Als „angespannt und extrem nervös“ bezeichnet er seinen Zustand des Zuschauens. Doch der hat ja nun ein Ende.

Ein halbes Jahr nach dem Waden­beinbruch steht Gyamerah wieder auf dem Trainings­platz, ist wieder dabei, wieder mittendrin. Und total glücklich. „Man lernt in solchen Phasen viele Dinge neu und besser zu schätzen“, sagt er in den Tagen nach seinem ersten Mannschafts­training und grinst über das ganze Gesicht, als er an eine spezielle Szene denkt. Denn gleich in der ersten Einheit, in der er wieder den vollen Körperkontakt annehmen und alle Formen von Zwei­kämpfen bestreiten durfte, bekam Gyamerah einen satten Tritt auf sein linkes Waden­bein. „Es tat im ersten Moment ziemlich weh, aber ich habe gemerkt, dass es hält, dass nichts passiert. Und da habe ich mich total über den Tritt und den Schmerz gefreut.“ Endlich wieder Fußball, endlich geht es wieder zur Sache. Dinge, die er zuvor Tag für Tag als völlig selbst­verständlich hinge­nommen hatte. Da freut man sich sogar darüber, wieder auf die Socken zu bekommen.

Gewichte, Medizinbälle und viele Kraftübungen brachten Jan Gyamerah so weit, dass er heute wieder voll mit der Mannschaft trainieren kann.

Doch bis dahin war es ein hartes Stück Arbeit. „Die Verletzung ist ein großer Schock für uns alle und es tut uns unglaublich leid für Jan, der sich menschlich und spielerisch großartig bei uns integriert hat und nach kurzer Zeit ein wichtiger Bestandteil unserer Mannschaft wurde“, sagte Sport­vorstand Jonas Boldt im September, „wir werden alles dafür tun, um ihn in der schweren Reha-Phase bestmöglich zu unter­stützen und haben vollstes Vertrauen in unsere medizinische Abteilung.“ Boldt hielt damit Wort. Denn das Team des UKE, des Athleti­cums und der HSV-Mediziner und -Physios kümmerte sich perfekt um den 24-Jährigen, der fortan von Montag bis Freitag im UKE behandelt wurde und im Athleticum trainierte, ehe er am Wochenende im Stadion vorbei­schaute und dort erste Einheiten absolvierte, die er später komplett dorthin verlegen konnte. Dies ging ab dem Moment, als Jan Gyamerah die Krücken weglegen durfte. „Zu der Zeit waren die Schmerzen komplett weg und ich fühlte mich gut und schon wieder deutlich positiver.“ Und so ging er mit vollem Elan in das individuelle Training, dem anschließend die Behandlung folgte. Tag für Tag. Und arbeitete sich so immer weiter in Richtung Mannschafts­training. 

»Ich bin allen, die mich auf meinem Weg unterstützt haben, extrem dankbar«

Dass Jan diesen Weg nicht allein gegangen ist, das ist ihm mehr als bewusst. „Ich bin allen, die mich auf meinem Weg unterstützt haben, extrem dankbar. Im Athleticum haben Jonas Schaerk und Marijo Kremic im Reha-Training mit mir gearbeitet und mir trotz der schwierigen Situation extrem viel Spaß vermittelt, dazu haben sich die Physio­therapeuten Benny Eisele und Christina Hartojo perfekt um mich gekümmert. Und beim HSV kann ich den Physios Chris Tambach, Zacharias Flore, Andy Thum und Mario Reicherz gar nicht genug danken. Genau wie allen Ärzten und vor allem auch unserem Reha-Trainer Sebastian Capel. Wie er mit mir gearbeitet und mich auf den letzten Schritten Richtung Mannschafts­training immer wieder gepusht hat, das war herausragend. Ich bin allen Beteiligten einfach unendlich dankbar!“ Dank ihnen ist der Rechts­verteidiger wieder da und hat „vollstes Vertrauen in meinem Körper, ich gehe komplett frei in die Einheiten und alle Zweikämpfe.“ Und demnächst auch wieder in die Spiele. Denn Gyambo ist wieder bereit für den Kader, für den er von Trainer Dieter Hecking erstmals bei der schluss­endlich doch noch abgesagten Partie bei der Spiel­vereinigung Greuther Fürth nominiert wurde.

„Das ist für mich der nächste große Schritt“, sagt Gyamerah, jedoch ohne sich selbst damit unter Druck setzen zu wollen. „Ich habe mich schon während der gesamten Reha nicht unter Druck gesetzt, sondern von Tag zu Tag und von Woche zu Woche geschaut, wie mein Körper reagiert. So werde ich es weiter handhaben.“ Bis zum ersten Spiel. Und damit dem Moment, der am 11. September 2019 so unglaublich weit entfernt schien. Jan Gyamerah ist kurz davor, den letzten Schritt auf seinem langen Weg zu gehen.