Mittelfeldakteur LOUIS SCHAUB spielt seit Beginn des Jahres beim HSV und nimmt in der Mannschaft von Dieter Hecking eine wichtige Rolle ein, identifiziert sich aber auch darüber hinaus total mit dem Club und der Stadt. Was für ihn am HSV und an Hamburg besonders ist, erklärt der 25-jährige Österreicher im HSVlive-Interview.

Viel klassischer kann ein Hamburg-Moment nicht ausfallen. Exakt in dem Augenblick, als sich Louis Schaub und die HSVlive-Redaktion am Leuchtturm Blankenese, einem typischen Ausflugsziel für Hansestadt-Touristen wie auch Ur-Hamburger, zum Interview treffen, verzieht sich der letzte Rest Sonne und der Regen setzt ein. Und zwar von vorn, flankiert von ein paar schönen Böen. „Macht ja nichts“, sagt der 25-jährige Österreicher lächelnd zur Begrüßung, „ist halt Hamburg.“ Und untermauert damit, schon nach kurzer Zeit bereits voll und ganz in der Hansestadt angekommen zu sein. Ein Gespräch über den HSV als sportliche Heimat, das neue Zuhause seiner Familie und die großen Faszinationen unserer Stadt und unseres Sports.

Louis, als dein Landsmann Lukas Hinterseer sein zweites HSVlive-Interview gab, wünschte er sich als Location den Elbstrand. Du hast den Leuchtturm Blankenese vorgeschlagen, eben­falls an der Elbe. Ist es der Klassiker, dass sich Leute, die in den österreichischen Bergen aufgewachsen sind, besonders zum Wasser hingezogen fühlen?
Ich komme nicht wie Lukas aus einem Berg- oder Skigebiet, sondern aus der Nähe von Wien, allerdings aus einem doch schon sehr ländlichen Teil. Das mag ich, das war auch schon immer so. Ich bin kein Mensch, der sich mitten in der Stadt wohlfühlt. Deshalb habe ich mich bewusst entschieden, auch in Hamburg etwas ruhiger zu wohnen. Dass es so nah am Wasser ist, war ehrlich gesagt ein bisschen Zufall, gefällt mir aber natürlich sehr gut. Hier kann ich mit meiner Familie an den Strand kommen, gerade mein zweijähriger Sohn findet es toll, im Sand zu spielen. Hinzu kommt: Ich war an zwei Tagen unten an der Elbe, an denen das Wetter schön war – das ist dann schon sehr besonders, dann kommen die Leute raus aus ihren Häusern und es herrscht hier eine ganz spezielle Atmosphäre. 

»Hier herrscht eine spezielle Atmosphäre«

Klingt ganz so, als wärst du gut angekommen in deiner neuen Heimat.
Es ging im Winter schon alles sehr schnell mit dem Wechsel aus Köln nach Hamburg, aber für uns als Familie ist das alles ein großes Abenteuer. Neue Stadt, neue Leute, sich wieder neu einfinden – ich denke, dass das gute Erfahrungen sind, die uns auch im weiteren Leben helfen werden. Entscheidend ist einfach nur, dass wir zusammen sind. Ich brauche meine Freundin Verena und meinen Sohn bei mir, dann geht es mir einfach viel, viel besser. Das habe ich jetzt wieder gemerkt, als ich zu Beginn allein hier war. Und natürlich hilft es, wenn man schnell Anschluss findet. Das hat sehr gut geklappt, für mich durch die Mannschaft sowieso, aber auch für Verena. 

Fühlst du dich – Stichwort Mannschaft – auch sportlich voll und ganz angekommen beim HSV?
Ich bin schon eher etwas zurückhalten, gerade auch am Anfang, aber die Mannschaft hat mich unglaub­lich schnell und gut aufgenommen. Es hat geholfen, dass ich im Januar direkt mit dem Team ins Trainingslager reisen konnte, dort hat es mit der Integration super geklappt. Die Jungs haben es mir aber auch wirklich sehr leicht gemacht.

Die Vorbereitung auf die Rückrunde war top, trotzdem findet sich der HSV aktuell in der Lage des Verfolgers wieder. Mit dem 1. FC Köln hattest du vergangene Saison im Aufstiegsrennen fast durchweg die Pole-Position inne. Macht das einen Unterschied?
Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Ich weiß gar nicht, ob es unbedingt leichter ist, wenn man vorwegmarschiert. Natürlich ist man immer gern derjenige, der oben steht, aber auch an unserer jetzigen Position lassen sich viele gute Aspekte finden. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so entscheidend, denn schlussendlich geht es darum, ganz am Ende die meisten Punkte zu haben. Dafür brauchst du Siege, und das am besten jeden Spieltag.

Das ist zuletzt gegen Regensburg gelungen. Davor aber hattet ihr als Mannschaft einen Hänger, der sich nach drei Siegen zum Jahresauftakt nicht unbedingt angedeutet hatte. Wie hast du das wahrgenommen?
Die beiden Niederlagen im Derby und in Aue, die taten natürlich weh. Dabei sind wir ins Derby richtig gut reingekommen, für die Partie hatten wir uns als Mannschaft auch extrem viel vorgenommen. Das hat man zu Beginn auch gespürt, denke ich. Aber umso größer war die Fallhöhe, als es trotz des starken Beginns binnen weniger Minuten zweimal aus dem Nichts bei uns einschlug. Da ist etwas kaputt­gegangen. Und in Aue waren wir einfach von Anfang bis Ende schlecht, da gibt es nichts dran zu rütteln. Umso wichtiger war es, dass wir gegen Regensburg gewonnen haben, denn so bin ich überzeugt, dass wir aus der schwierigen Phase am Ende noch stärker als vorher herauskommen werden. Und das kann uns helfen, in der ent­scheidenden Saisonphase, in den letzten neun Spielen, voll da zu sein und am Ende unser großes Ziel zu erreichen.

Bist du trotz der engen Tabellenkonstellation vollends vom Bundesliga-Aufstieg überzeugt?
Absolut! Als ich im Winter neu zum HSV kam, habe ich im Trainingslager über die große Qualität gestaunt. Da war so viel fußballerische Klasse im Team! Und die ist ja immer noch da. Es kann schließlich nicht sein, dass alles, was vor drei Wochen nach neun Punkten zum Start ins neue Jahr noch super war, auf einmal schlecht ist. Nur hat man eben selbst als Topteam einer Liga pro Saison eine oder zwei Phasen, in denen einfach etwas fehlt, in denen sich die Qualität nicht abrufen lässt. Das ist unglaublich ärgerlich, aber manchmal verselbständigt sich da etwas oder es spielen auch Verletzungen oder Formtiefs eine Rolle. Davor ist nahezu kein Team gefeit. Entscheidend ist, wie man damit umgeht, ob man die Ruhe behält und sachlich weiterarbeitet. Und ob man es schafft, dadurch aus einer solchen Phase wieder herauszukommen und zu gewohnter Stärke zurückzufinden. Wenn das jetzt langfristig gelingt, dann haben wir alle Chancen, unsere Spiele erfolgreich zu gestalten und es zu packen.

Die Gegner haben naturgemäß etwas dagegen. Zuletzt waren hierbei meist zwei Varianten zu beobachten: Entweder der Gegner zieht sich mit allen Spielern bis zum eigenen Strafraum zurück, dann wirkt es fast ein bisschen wie beim Handball, oder er spielt mit einer Art Manndeckung über nahezu das gesamte Platz. Macht das für euch auf dem Feld einen großen Unterschied?
Ich denke, wir müssen grundsätzlich immer davon ausgehen, dass die Gegner gegen uns defensiv sehr kompakt agieren werden, egal ob tiefstehend oder über den ganzen Platz in der Manndeckung. Unsere Aufgabe als spielerisch veranlagte Mannschaft ist es, für diese Situationen auch die richtigen spielerischen Lösungen zu finden. Darum geht es. Das hat nichts mit mangelndem Einsatz oder dergleichen zu tun, das ist nicht der Punkt. Wer einmal einen Blick in diese Mannschaft werfen konnte, der weiß, wie unglaublich erfolgshungrig alle Spieler sind. Es geht einfach darum, auch in Phasen, in denen der Gegner uns mit allen Kräften das Leben schwermacht, die richtigen Lösungen zu finden. 

Total angekommen: Louis Schaub ist mit seiner spieler­ischen Klasse und seiner Emotionalität ein zentraler Punkt in der Offensive des HSV.

Geht dabei nur um die Füße, oder spielt auch der Kopf eine große Rolle?
Natürlich spielt der Kopf eine entscheidende Rolle. Im Sport ist das immer der Fall, gerade dann, wenn eine Saison in die entscheidende Phase geht. Meiner Meinung nach ist es wichtig, wirklich nur auf sich zu schauen. Nicht auf den Gegner oder seine Ergebnisse oder was bestimme Konstellationen bedeuten könnten. Entscheidend ist, was wir machen. Da hat auch der Trainer eine sehr klare und gute Ansprache. Wir haben noch neun Partien, darunter die Spiele gegen die direkten Konkurrenten aus Bielefeld, Stuttgart und Heidenheim. Wir haben also sehr viel in der eigenen Hand. Es liegt an uns, was wir daraus machen. 

Dabei helfen am meisten Siege, gern natürlich auch mit einem Tor von dir. Bislang hast du dich aber nur im Lattenschießen geübt.
Ich kenne das Thema, dass ich öfter den Abschluss suchen müsste. Diese Kritik habe ich oft gehört, auch unser Trainer sagt es mir immer wieder. Zweimal hatte ich Pech und habe nur die Latte getroffen, aber wir alle müssen noch mutiger sein und öfter schießen. Natürlich ist es schön, wenn ein Tor so herausgespielt wird wie zuletzt der zweite Treffer gegen Regensburg, dem eine tolle Kombination vorausging, aber wir müssen es einfach noch mehr erzwingen. Gern auch mal aus der Distanz.

Fehlt in den Momenten das Vertrauen, wenn man statt zu schießen noch einmal abspielt?
Manchmal ist das so, Selbstvertrauen spielt im Fußball eine riesengroße Rolle. Manchmal sind es aber auch Szenen, in denen ich sehe, dass ein Abschluss nicht die größte Wahrscheinlichkeit auf einen Treffer bringt. Man muss das differenzieren. Grundsätzlich möchte ja jeder gern ein Tor schießen, niemand würde sich dem verschließen, es ist schließlich der beste Moment, den du im Fußball haben kannst.

Abgesehen vom Torjubel – welche kindliche Erinnerung und Freude hast du dir im Fußball bis heute bewahren können, auch wenn heute nicht nur der Spaß am Spiel im Vordergrund stehen, sondern auch Erwartungshaltungen und Erfolgsdruck?
Ich genieße den Moment, wenn wir im Spielertunnel stehen. Wenn man weiß, dass es gleich losgeht, dass da draußen im Volksparkstadion 50.000 Menschen warten und man spürt, dass es schon brodelt. Das ist für mich ein ganz besonderer Moment, den ich versuche mir zu bewahren, egal wie groß die Erwartungen und der Druck sind. Schließlich war das der Traum, den ich als Kind hatte und der mich dazu gebracht hat, so viel Arbeit und Zeit in den Fußball zu investieren. Diese Freude und Begeisterung am Spiel dürfen wir uns niemals nehmen lassen, zumal es während des Spiels ohnehin schon schwierig ist, diese Freude zu empfinden und das Spiel zu genießen, so wie man es vielleicht früher als Kind oder Jugendl­icher getan hat. Alles geht extrem schnell, man muss sehr konzentriert sein und hat wirklich andere Aufgaben. Aber genau deshalb bewahre ich mir diesen Moment im Spielertunnel und das Einlaufen ins Stadion. Das ist mein besonderer Augenblick. 

Der jetzt wegen des Corona-Virus’ erst einmal wegfällt.
Das ist bitter für alle Beteiligten, aber so ist es eben. Ich kann mich ganz dunkel daran, dass ich schon 2012 bei Rapid Wien in der Europa League gegen Trondheim ein Spiel vor leeren Rängen erlebt habe. Es war merkwürdig. Solch ein Spiel im großen Ernst-Happel-Stadion in Wien und das ohne einen Funken normaler Fußballatmosphäre. Das wünscht sich wirklich niemand. Aber die Gesundheit aller Menschen geht natürlich vor und wir müssen alle gemeinsam das Beste daraus machen.

»Das ist mein besonderer Augenblick«