Im HSVlive-Interview verrät Mittelfeldspieler JEREMY DUDZIAK, wie ihn seine Kindheit und Jugend im Duisburger Stadtteil Beeck geprägt haben, wie er im hohen Norden sein neues Zuhause gefunden hat und warum er immer und überall die Kontrolle behalten will.

Foto- und Interviewtermin in der Hamburger Innenstadt. Rund um die Binnenalster sind die ersten Weihnachtsmärkte aufgebaut, bunte Lichter und knallige Farben sorgen im Buden-Dickicht für vorweihnachtliche Stimmung. Mittendrin im freudigen Treiben: Mittelfeldspieler Jeremy Dudziak. Der Neuzugang, der eigentlich gar keiner mehr ist. Vier Jahre hat „Jerry“ zuletzt beim FC St. Pauli gespielt, kennt die Stadt damit in- und auswendig. Letztlich wurde er hier sogar geboren. Dies allerdings eher unfreiwillig, da seine deutsche Mutter damals einen Zwischenstopp bei einer Freundin in der Hansestadt machte, als sich „Jerry“ plötzlich ankündigte und früher als geplant zur Welt kam. So wurde Dudziak zum vielfach zitierten „Zufalls-Hamburger“ – eine Bezeichnung, die ihm eigentlich gar nicht mehr gerecht wird. Denn mittlerweile nennt Dudziak die Hansestadt sein Zuhause. Warum das so ist, welche Rolle dabei seine Wurzeln im Duisburger Stadtteil Beeck spielen und warum Plattenbauten das beste Trainingslager sind, verrät der 24-Jährige im ausführlichen HSVlive-Interview.

Jerry, jetzt im Dezember sorgen wieder dutzende Weihnachtsmärkte für ein besonderes Flair in der Hansestadt. Welche Bedeutung hat Weihnachten für dich?
Als Kind hatte ich durch den mütterlichen Teil meiner Familie noch einen großen Bezug zu Weihnachten. Als ich größer geworden bin, ließ das aber Stück für Stück nach. Mit 17 Jahren bin ich dann zum Islam konvertiert, so dass Weihnachten für mich seitdem eigentlich kein Thema mehr ist. Anfangs bin ich noch immer für einen Tag wieder in die Heimat gefahren, um an Weihnachten bei meiner Familie zu sein. Gerade für meinen jüngeren Bruder, der jetzt zwölf Jahre alt ist, ist das ja noch ein besonderes Fest. Dieses Jahr werde ich über die Feiertage allerdings mit meiner Freundin im Urlaub sein.

Du hast das Thema Heimat bereits angerissen. Du bist durch Zufall in Hamburg geboren, aufgewachsen bist du aber im Duisburger Stadtteil Beeck – also mitten im Ruhrgebiet. Was herrscht dort für ein Klima?
Der Ruhrpott ist schon sehr eigen, ganz allgemein von seiner Art und auch bezüglich der Menschen. Die Leute sind sehr offen und sagen dir frei Schnauze, was Sache ist, was sie meinen und wie sie denken. Diese Art mag ich sehr. Darüber hinaus sind sie immer voll mit dem Herzen dabei. Vor allem in Bezug auf den Fußball. Da sind die Leute komplett verrückt und nehmen kein Blatt vor den Mund. Da bekommst du selbst von deinem Nachbarn Ärger, wenn du mal ein Spiel verloren hast.

Wie hast du in dieser Atmosphäre deine Kindheit erlebt? Du hast schon mal verraten, dass du damals viel auf der Straße gekickt hast.
Ich habe viele positive und schöne Erinnerungen. Die Tage sahen eigentlich immer gleich aus: Zuerst in die Schule, dann zu Hause etwas essen, Hausaufgaben machen und im Anschluss raus auf die Straße zum Kicken. Wir haben damals im Plattenbau gewohnt, da musste man gar nicht irgendwelchen Freunden Bescheid sagen, sondern man wusste, dass alle Kinder draußen sind. Da ging man einfach mit seinem Ball hin und mischte sich unter alle möglichen Nationen und Kulturen. Ich glaube, in meiner ersten Jugendmannschaft gab es vielleicht einen Spieler in der Mannschaft, der keinen Migrationshintergrund hatte. Die Herkunft spielte keine Rolle, es ging einfach nur um Fußball. Insgesamt war das eine geile und sehr prägende Zeit. 

Lief der Straßenfußball dann komplett neben dem Vereinsfußball oder wurde es irgendwann zu viel?
Am Anfang ging es noch. Gerade zu meiner Zeit bei Viktoria Beeck war das überhaupt kein Problem. Auch nach meinem Wechsel zum MSV Duisburg hielt es sich noch die Waage. Erst als ich angefangen habe, auch noch in einem Verein organisiert Futsal zu kicken, wurde es irgendwann mit 13 oder 14 Jahren auf der Straße etwas weniger.

Woher schürte damals die Leidenschaft für Futsal und den Straßenfußball?
Es gab damals im Fernsehen einen Werbespot mit Ronaldinho als Futsaler. Zudem gab es mit FIFA-Street das passende virtuelle Game auf der Konsole, bei dem man auf der Straße und in der Halle zocken konnte. Dort gab es eine Vielzahl an Tricks, die man unbedingt lernen wollte. So bin ich zum Futsal gekommen, da dort genau diese Tricks und eine besondere Technik trainiert werden. So hat sich am Ende alles miteinander verbunden.

Welche Eigenschaften hast du aus dieser Zeit auf der Straße und in der Halle mitgenommen?
Die Eigenschaft der Straße ist, dass man immer gewinnen will. Man will nicht den Arsch hinhalten müssen, wenn am Ende des Spiels die Verlierer abgeschossen werden. Es ist dieser unbedingte Siegeswille. Zudem gibt es im Straßenfußball keine Regeln. Wenn Emotionen hochkommen, dann wird es auch mal etwas härter und kann auch richtig knallen. Das war auch stets ein Teil von mir. Mittlerweile habe ich gelernt, diese Emotionen gut im Griff zu haben und halte mich auf dem Platz aus solchen Situationen bewusst heraus und gehe gar nicht erst in den Konflikt, weil ich genau weiß, dass ich mich dann nicht beherrschen kann.

»Die Eigenschaft der Straße ist, dass man immer gewinnen will«

Hattest du diesbezüglich Schlüsselerlebnisse während deiner Jugend?
Ja, wir hatten mit dem MSV Duisburg einmal ein Pokalspiel gegen Hamborn 07. Wir lagen mit 0:1 zurück und der Ball wollte einfach nichts in Tor. Wir hatten Chancen über Chancen und als der Schiedsrichter abgepfiffen hat, habe ich komplett die Kontrolle verloren. Ich bin ausgerastet, wollte auf Gegenspieler losgehen, habe mein Trikot ausgezogen, zerrissen und weggeschmissen. Daraufhin habe ich eine zweiwöchige Sperre von meiner Mutter bekommen. (lacht) Ich musste mir von ihr, meiner Oma und von meinem Trainer Standpauken anhören und habe mich letztlich vor der Mannschaft für mein Verhalten entschuldigt. Das hat mich schon geprägt.    

Inwiefern?
Solche Momente haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich möchte immer Herr der Lage sein. Ruhig, besonnen, überlegt. Keine zu schnellen Antworten geben, sondern immer erst überlegen, was man da eigentlich sagt oder tut. Ich denke, das ist der Ursprung für meine ruhige Art.   

Seit 2015 bist du nun in deiner Geburtsstadt Hamburg beheimatet. Wie viel Ruhrpott steckt noch in dir?
Ich denke, schon noch eine Menge. Meine Jungs kommen eigentlich alle aus dem Ruhrpott. Wenn wir unter uns sind und andere Menschen kennenlernen, dann sagen die meist recht schnell auch: „Hey, ihr kommt aus NRW, oder?“ Die Gründe dafür können sie uns meist gar nicht genau nennen, aber sie behaupten immer, dass man das direkt merke. 

Ist es dir damals im Jahr 2015 schwergefallen, nach Hamburg zu wechseln?
Es war am Anfang natürlich nicht einfach, weil ich allein aus Dortmund hergezogen bin. Ich habe in Dortmund zwar auch schon allein gewohnt, aber es waren kurze Wege nach Duisburg. Ich hatte mein direktes Umfeld, meine Kumpels und meine Familie in der Nähe. Ich musste mich am Anfang also erstmal in das Leben ohne sie reinfinden. Mittlerweile wohnen meine Mutter, mein Bruder und mein bester Freund hier in Hamburg. Mein Bruder schläft einmal die Woche bei mir und auch meine Mutter treffe ich regelmäßig. 

Im Sommer dieses Jahres bist du sozusagen innerhalb der Stadt umgezogen und bist vom Stadtrivalen FC St. Pauli zum HSV gewechselt. Der Wechsel war schon einige Monate zuvor fix. Inwiefern hat es für dich im Sommer eine Rolle gespielt, dass plötzlich ein anderer Trainer da war?
Diese Frage hat mir auch meine Familie oft gestellt, da sie Hannes Wolf sehr gut kennt. Ich habe immer gesagt, dass es für ihn als Trainer schade ist, aber dass sich für mich persönlich nichts ändert. Ich muss Gas geben und alles aus mir herausholen, um den nächsten Schritt zu machen. So etwas ist unabhängig vom Trainer.

War es umgekehrt eine besondere Herausforderung, unter so einem erfahrenen Trainer wie Dieter Hecking zu spielen?
Klar, wenn man sieht, wie viele besondere Spieler er schon trainiert hat, dann weiß man sofort, dass man unter ihm sehr viel lernen kann. 

Dieter Hecking setzt dich entgegen der Vorjahre nicht als Außenverteidiger, sondern als „Achter“ im zentralen Mittelfeld ein. Auch schon in der Jugend hast du als „Zehner“ gespielt. Wie hast du diese Positionsumstellung wahrgenommen?
Das war in der Tat die größte Frage, die ich mir nach der Bekanntgabe des Trainerwechsels gestellt habe: Auf welcher Position spiele ich? Die letzten Spiele bei St. Pauli habe ich alle hinten rechts oder links gemacht. Deshalb hatte ich erst gedacht, dass sich der neue Trainer an diesen Spielen orientiert und mich eher als Außenverteidiger sieht. Der Trainer hat dann aber früh mit mir gesprochen und mir ganz klar gesagt, dass er mich im Zentrum als „Achter“ sieht. Damit war die Sache in meinem Sinne geklärt und ich musste gar nichts mehr sagen. (lacht)   

Für dich persönlich, aber auch für den HSV lief es in der Hinrunde bisher sehr gut. Wie bewertest du den bisherigen Saisonverlauf?
Wir als Mannschaft denken immer von Spiel zu Spiel. Wir wollen jedes Spiel gewinnen, weil wir wissen, dass wir die Qualität dazu haben. Jedes Spiel ist aber immer eine neue Aufgabe. Die Gegner stellen sich zunehmend besser auf uns ein und sind ohnehin gegen den HSV hochmotiviert. Dagegen muss man erstmal angehen. In Osnabrück hat das zuletzt nicht geklappt, aber ich denke, dass wir es insgesamt in dieser Saison gut hinbekommen haben. Wir haben von 15 Spielen nur zwei verloren, sind oben dabei und haben ein gutes Torverhältnis. Wir müssen jetzt die letzten drei Spiele so gut wie möglich bestreiten und in der Birne klarbleiben. Auch solche Unentschieden wie gegen Wiesbaden und Kiel können helfen. Denn lieber nehme ich einen Punkt mit als gar keinen. Am Ende zählt jeder Punkt – das hat man in der Vorsaison gesehen. 

Schweißen denn besonders die späten Last-Minute-Erfolge wie zuletzt im Heimspiel gegen Dresden das Team in puncto Winner-Mentalität zusammen?
Definitiv. Dieses Spiel hat extrem gezeigt, was wir für eine mental starke und geile Truppe sind. Wir hatten in der ersten Halbzeit viele Chancen, um das 1:0 zu machen. Dann haben wir unmittelbar nach der Halbzeit den Gegentreffer kassiert und trotzdem mit großem Selbstvertrauen weiter nach vorn gespielt und den Sieg trotz der beiden Abseitstore vehement erzwungen. Das zeigt, dass wir uns nicht mit einem Unentschieden zufriedengeben, sondern unbedingt gewinnen wollen. Es macht aktuell einfach richtig Bock, mit den Jungs auf dem Platz zu stehen und zu kicken. 

Inwieweit ist es auch für dich persönlich eine mentale Herausforderung, dieser Erwartungshaltung als Mitfavorit auf den Aufstieg immer gerecht zu werden?
Für mich ist es einfach, da ich ohnehin jedes Spiel gewinnen will. Mir ist es dann auch völlig egal, was die Leute draußen reden. Ich bin sowieso ein Typ, der sich gar nicht erst durchliest, was über einen selbst oder die Mannschaft geschrieben wird, weil mich das einfach nicht juckt. Ich konzentriere mich rein auf die Aufgabe, arbeite dafür jede Woche hart und am Ende wird man sehen, was dabei herauskommt. 

Belohnung für diese Arbeit war auch dein Debüt in der Nationalmannschaft im September. Allerdings nicht für den DFB – dort hast du von der U15 bis U21 alle Jugendmannschaften durchlaufen –, sondern für Tunesien, das Heimatland deines Vaters. Was war das für eine Erfahrung?
Es war sehr gut, auch wenn ich kaum ein Wort verstanden habe. (lacht) Ich saß zum Beispiel etwas ahnungslos in der Besprechung, ehe ein Mitspieler, der auch Deutsch spricht, für mich übersetzt hat. Mit dem Trainer habe ich mich wiederum auf Englisch unterhalten. Trotz der Sprachbarrieren war es eine gute Erfahrung für mich, die Menschen und das Land kennenzulernen und auf internationalem und härterem Niveau Fußball zu spielen.

Gab es einen speziellen Grund, warum du in der Folge während der vergangenen beiden Länderspielperioden nicht berücksichtigt wurdest?
Bei meiner ersten Einladung wurde ich lediglich für Testspiele nominiert, da war es noch kein großes Problem, dass ich keinen tunesischen Pass besitze. Darum sollte sich anschließend gekümmert werden. Da ich aber keinen Kontakt zu meinem Vater habe, gibt es diesbezüglich Probleme, so dass sich dieses Thema zunächst einmal erledigt hat. Aber wer weiß, was die Zukunft noch bringt.

Tunesien wird damit vorerst keine dritte Heimat. Anders als Hamburg, wo du nicht nur etwas unfreiwillig geboren wurdest, sondern seit vier Jahren deinen Lebensmittelpunkt hast. Würdest du sagen, dass Hamburg mittlerweile das Ruhrgebiet als Heimat abgelöst hat oder gibt es für dich zweimal ein Zuhause?
Gute Frage. Eigentlich sage ich immer, dass ich Duisburger bin, denn dort bin ich groß geworden. Vom Gefühl her würde ich aber sagen, dass Hamburg mein Zuhause geworden ist, weil ich mich hier mittlerweile sehr wohl fühle und letztlich auch meine engsten Leute jetzt hier um mich habe. Ja, Hamburg ist jetzt meine Heimat.