Der bessere Alte

Nach einer der schwersten Verletzungen der jüngeren Bundesliga-Geschichte ist JAIRO SAMPERIO zurück. Mehr noch: Der 26-jährige Mittelfeldspieler ist der „bessere Alte“, wie er im ausführlichen HSVlive-Interview erklärt. Mental stärker, sportlich flexibler und persönlich gereifter. Ein Gespräch über das Streben nach sportlichem und privatem Glück.

„La suerte“ – auf Deutsch bedeutet es: „das Glück“. Ein weitgefächertes Wort, das die Menschen ganz unterschiedlich für sich interpretieren. Auf der Gegenseite steht der Begriff Unglück, auf Spanisch: „mala suerte“. Etwas, das dem spanischen Mittelfeldspieler Jairo Samperio im vergangenen Jahr widerfuhr, als er sich am 23. August 2018 im Mannschaftstraining eine Schädigung beider Kreuzbänder und des Innenbandes im rechten Kniegelenk und damit eine der schwersten Knieverletzungen der jüngeren Bundesliga-Geschichte zuzog. Großer Schock, bitteres Saisonaus und ungewisse Zukunft zugleich – der stets mit einem Lächeln im Gesicht auftretende Spanier hatte den größten Tiefschlag seiner noch jungen Karriere zu verkraften. Doch Jairo arbeitete sich mit schier unbändigem Willen Schritt für Schritt zurück auf den Platz. Zu Beginn dieser Saison krönte Jairo Samperio dann sein eindrucksvolles Comeback, als er beim 4:2-Auswärtssieg in Karlsruhe seinen ersten Ligatreffer im HSV-Trikot erzielte und deutlich machte: Ich bin zurück! Im ausführlichen HSVlive-Interview verrät der 26-Jährige, warum er als Spieler sogar besser ist als zuvor, wie die Verletzung sein Leben generell verändert hat und welch wichtige Rolle seine große Liebe Carmen spielt, der er im Sommer einen Heiratsantrag in New York gemacht hat. 

Jairo, wann warst du das letzte Mal richtig glücklich?

Als ich nach meiner schweren Knieverletzung nach langer, langer Zeit endlich wieder auf dem Platz stehen und Fußball spielen konnte. Man kann in vielen kleinen Momenten Glück verspüren, aber solche Glücksgefühle wie bei meinem Comeback hatte ich seit langer Zeit nicht mehr.

Jeder Mensch definiert Glück für sich anders. Was bedeutet es für dich? 

Ich denke, dass man Glück mit etwas Schönem vergleichen kann, mit etwas, das einem wirklich wichtig ist. Aber vor allem glaube ich, dass Glück etwas ist, das man sich erarbeiten muss. Dir widerfährt Glück, wenn du in einem vorangegangenen Prozess hart gearbeitet hast. Glück ist also abhängig davon, was du tust. 

Du hast deine Verletzung angesprochen, mit der du im letzten Jahr ein großes Unglück zu verkraften hattest. Inwieweit hat diese Zeit dich oder deinen Blick auf das Leben verändert?

Meine Verletzung hat mich gelehrt, die kleinen Dinge des Lebens viel mehr wertzuschätzen. Vorher habe ich die kleinen Details manchmal gar nicht direkt bemerkt und auch nicht gewürdigt. Während meiner Verletzung hatte ich allerdings viele Tage, an denen ich Kleinigkeiten nicht machen konnte, die sonst selbstverständlich waren. Beispielsweise konnte ich, insbesondere in den ersten Wochen nach der Verletzung, nicht mehr mit meinem Hund „Killer“ Gassi gehen. In der Zeit bemerkte ich, welch hohen Stellenwert diese kleinen Details in meinem Leben haben und bin total dankbar dafür, dass mir das bewusst geworden ist. Außerdem weiß ich nun, wie man sich nach einer schweren Verletzung fühlt, und wenn einem Mitspieler etwas Ähnliches passiert, versuche ich mich immer sofort in seine Situation hineinzuversetzen und bestmöglich zu helfen.

»Glück ist davon abhängig, was du tust«

Wie hast du diesbezüglich die Verletzung von Jan Gyamerah wahrgenommen?

Als er sich im Training verletzte, hatte ich einen großen Flashback. Die Situation hat mich sehr an meine eigene Verletzung erinnert. Ich habe den ganzen Tag an ihn gedacht und mich gefragt, wie ich ihm am besten helfen kann. Ich konnte mir genau vorstellen, wie er sich fühlt und was in seinem Kopf vorgeht. Das war vor meiner Verletzung nicht so. Jetzt konnte ich ihn nur zu gut verstehen und habe versucht, ihn zu ermutigen. Dafür habe ich mit ihm über meine Verletzung und meinen Weg zurück gesprochen, um ihm zu helfen, wieder nach vorn zu schauen. 

Gibt es weiterhin Momente, in denen du deine Verletzung noch im Kopf hast?

Auf dem Platz gar nicht mehr, das ist vorbei, da bin ich wieder völlig frei im Kopf. Nur zu Hause denke ich manchmal daran, zum Beispiel an Tagen, an denen ich einen Extraschub Motivation benötige. Dann erinnere ich mich daran zurück, wie hart das vergangene Jahr war und wie viel Arbeit ich investiert habe, um überhaupt wieder spielen zu können. Daraus schöpfe ich neue Energie.

Wann war der Zeitpunkt, als du wieder vollstes Vertrauen in deinen Körper hattest?

Körperlich topfit habe ich mich schon gegen Ende der vergangenen Saison gefühlt, als ich wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen bin. Ich hatte zuvor in der Reha viele Läufe absolviert und hatte das Gefühl, dass mein Körper wieder komplett da war. Nur der Kopf war noch das Problem. Ich hatte am Anfang noch Angst, voll in die Zweikämpfe zu gehen, war dabei sehr vorsichtig. Denn einem kommen dabei zunächst immer wieder die Bilder des schlimmen Moments in den Kopf und es braucht etwas Zeit, bis man diese vergessen hat. Als wir dann im Juni in die Vorbereitung auf diese Spielzeit gestartet sind, war es schon deutlich besser, etwas Respekt vor den Zweikämpfen hatte ich zunächst allerdings immer noch. Nach fünf bis sechs Tagen war ich dann gefühlt schon wieder bei 80 Prozent und nach zwei weiteren Wochen dann bei 100 Prozent. Seitdem ist das Vertrauen wieder voll da.

Keine Angst, kein Zurückschrecken, stattdessen voller Einsatz und maximale Präsenz in den Zweikämpfen: In den Trainingseinheiten am Volksparkstadion sieht man Jairo Samperio die schwere Knieverletzung nicht mehr an.   

Du bist topfit, gehst wieder mit vollem Einsatz in die Zweikämpfe und warst zuletzt mit 34 km/h sogar der schnellste HSV-Spieler – es macht den Eindruck, als wärest du wieder voll der Alte. Wie nimmst du die Situation wahr?

Ich denke auch, dass ich körperlich wieder der Alte bin. Es gibt zwar kleine Unterschiede, aber die bemerke ich kaum. Das Knie reagiert sehr gut auf alle Bewegungen, ich bin schnell und habe die nötige Kraft. Ich merke allerdings, dass ich mental deutlich stärker bin als zuvor, ich habe mehr Selbstvertrauen. Ich fühle mich dadurch stärker und besser als vor der Verletzung.

Im ersten Vorbereitungsspiel gegen Meiendorf, beim Elfmeterschießen im DFB-Pokal und beim 4:2-Auswärtssieg in Karlsruhe hast du wieder deine ersten Treffer für den HSV erzielt. Wie hast du dich dabei gefühlt? 

Das Tor gegen Meiendorf hat mir sehr viel bedeutet, da war ich sehr glücklich. Es war das erste Spiel, in dem ich wieder zum Einsatz kam. Und ich glaube, es war Schicksal, dass ich auch direkt getroffen habe. Dennoch hatte ich nach dem Tor weiterhin das Gefühl, noch nicht komplett wieder zurück zu sein, das Pflichtspieltor fehlte noch. Über den verwandelten Elfmeter im Pokal war ich natürlich auch glücklich, aber ich wollte unbedingt aus dem Spiel heraus treffen. Als ich dann in Karlsruhe das Tor geschossen habe, war ich in einem Schockzustand. Alle Momente des vergangenen Jahres kamen in meinen Kopf. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich jubeln sollte. Soll ich zu den Physios rennen? Zum Mannschaftsarzt? Ich war blockiert und habe einfach nur die ganze Anspannung herausgeschrien. Und auch eine Stunde nach dem Spiel hielt dieser Schockzustand noch an. Ich habe ganz viele Glückwunsch-Nachrichten bekommen, das war total überwältigend.

»Ich bin stärker und besser als zuvor!«

Wenn du auf deine bisherige Karriere zurückblickst: Gab es vergleichbare Glücksmomente? 

Ja, zum Beispiel der UEFA-Cup-Sieg mit dem FC Sevilla, mein Debüt bei den Profis oder mein erstes Tor im Herrenbereich. Aber wenn ich das erste Tor meiner Karriere mit dem Tor gegen Karlsruhe vergleiche, war der Treffer nach meinem Comeback deutlich bedeutender. Es gab im letzten Jahr Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich überhaupt wieder Fußball spielen kann. Und dann dieses Gefühl zu erleben, endlich wieder Tore zu schießen – das war einfach unglaublich. Ich habe mich endlich wieder als Fußballer gefühlt.

Als du 2018 nach Hamburg gekommen bist, hast du erklärt, dass du nach einem sportlich schwierigen Jahr nochmal bei null starten möchtest. Wie sieht deine Zielsetzung ein Jahr später nach dieser langen Pause aus?  

Als ich vergangenes Jahr nach Hamburg kam, hatten der HSV und ich dieselben Interessen: Der Club wollte wieder in die Bundesliga, ich wollte wieder auf einem besseren Niveau spielen und so gemeinsam mit dem HSV das übergeordnete Ziel erreichen. Auch in diesem Jahr verfolgen der Club und ich dieses Ziel. Persönlich wünsche ich mir für diese Saison, so oft wie möglich zu spielen.

In dieser Saison kamst du bisher meist als Joker zum Einsatz. Kann man in dieser Rolle auch glücklich sein?

Fußballer wollen immer von Beginn an spielen, aber ich kenne meine derzeitige Situation. Wir sind ein großes Team mit viel Qualität. Dazu kommt, dass wir derzeit sportlich auf einem guten Weg sind, wodurch Wechsel in der Startelf unwahrscheinlicher werden. Dennoch gebe ich im Training immer 100 Prozent. Einerseits, um mich gut zu fühlen und meinen Job zu genießen, aber auch um zu zeigen, dass ich immer bereit bin, über 90 Minuten zu gehen.

»Es gab Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich überhaupt wieder Fußball spielen kann. Und dann dieses Gefühl zu erleben, endlich wieder Tore zu schießen – das war einfach unglaublich«

Wie schwer fällt es dir dabei, geduldig zu sein?

Oft ist es schwer. Insbesondere wenn man merkt, dass man gut trainiert, es aber keinen Platz in der ersten Elf gibt. Aber man darf dann nicht enttäuscht sein, sondern muss versuchen, die Situation zu analysieren, weiter hart zu trainieren und auf seine Chance zu warten. Manchmal soll es eben nicht sein. Auch hier hat mir meine Verletzung wieder sehr geholfen, da ich durch die mentale Stärke nun deutlich besser mit so einer Situation umgehen kann. Ich bin deutlich geduldiger.  

Jairo Samperio – das war in Sevilla, Mainz und Las Palmas lange Zeit der flinke Flügelspieler auf der linken Außenbahn. Dieter Hecking hat dich nun vermehrt auch auf der Achter-Position eingesetzt. Wie gefällt dir diese Position?

Ich habe keine Probleme damit, mich positionstechnisch zu verändern. Meine beste Zeit hatte ich bisher auf der linken Außenbahn in der Saison in Mainz. Dort habe ich mich auf der Position sehr wohl gefühlt. Aber wenn der Trainer mich auf die Acht stellt, vertraue ich ihm und versuche, es bestmöglich umzusetzen. Ich denke auch, dass ich in unserem Spielsystem mit meiner Technik und meinen Anlagen diese Position gut spielen kann. Ich bin auch zufrieden mit meiner Leistung als Achter in den Testspielen gegen Wolfsburg und Braunschweig, es hat Spaß gemacht. In den Trainings versuche ich jetzt weiterhin immer mehr dazuzulernen, um noch besser zu werden.

Was musst du konkret für die Achter-Position noch lernen?

Vor allem die Laufwege. Wenn wir mit einer Doppel-Acht spielen, muss ein Achter oft nach außen ziehen, während der andere neben die Nummer Sechs geht. Diese Bewegung muss man erst einmal verinnerlichen. Denn als Außenbahnspieler bewegt man sich vor allem vertikal auf dem Flügel, zieht nur ab und zu einmal nach innen, aber selten so tief wie ein Achter. Diese Laufwege sind neu für mich, aber ich habe total Spaß daran, sie zu lernen und mich zu verbessern. Ich bin sehr glücklich über diese Möglichkeit, zumal ich dadurch natürlich noch mehr Chancen habe, eingesetzt zu werden. Nicht nur in diesem Jahr, sondern auf meine ganze Karriere bezogen.

Seit acht Jahren ist Jairo Samperio mit seiner Jugendliebe Carmen zusammen. In New York City machte er ihr im Sommer nun einen Heiratsantrag. Sie sagte „Ja“, die Hochzeit ist für den 6. Juni 2020 geplant.  

Seit acht Jahren ist Jairo Samperio mit seiner Jugendliebe Carmen zusammen. In New York City machte er ihr im Sommer nun einen Heiratsantrag. Sie sagte „Ja“, die Hochzeit ist für den 6. Juni 2020 geplant.  

Auch abseits des Platzes hast du mit deiner Verlobten Carmen schon lange dein großes Glück gefunden. Im Sommer hast du deiner Jugendliebe in New York einen Heiratsantrag gemacht. Warum ausgerechnet in der Stadt der Träume?  

Vor einigen Jahren haben wir über das Thema Hochzeit gesprochen. Damals sagte sie, dass sie den Heiratsantrag gern in New York bekommen würde. Das habe ich mir natürlich gemerkt und danach nie wieder über das Thema gesprochen, damit sie nichts ahnt. Im Sommer haben wir dann eine Reise nach New York gemacht, zum einen natürlich, da wir uns schon immer einmal diese Stadt anschauen wollten, und zum anderen, weil ich ihr gern diese eine Frage stellen wollte. Als ich sie dann gefragt habe, habe ich an ihrem überraschten Gesichtsausdruck erkannt, dass sie es nicht hat kommen sehen. Mein Plan hatte funktioniert. 

Warst du nervös bei dem Antrag?

Ja klar! (lacht) Vor allem, weil ich Carmen erst an unserem vierten Tag in New York den Antrag gemacht habe, da wir erst dann an dem Ort waren, den ich mir dafür ausgesucht hatte. Weil ich den Ring aber immer bei mir haben wollte, hatte ich ihn schon die vorherigen Tage immer in meinem Rucksack. Ich bin also vier Tage lang mit dem Verlobungsring im Rucksack durch New York gelaufen und habe ihn fest an mich geklammert. (lacht) Auch im Hotelzimmer habe ich den Rucksack nie aus den Augen gelassen, damit Carmen nicht zufällig darin wühlt und den Ring findet. Als der Tag des Antrags gekommen war, war ich natürlich nervös. Aber es ist ja zum Glück alles gut gegangen, sie hat „Ja“ gesagt. 

»Ich bin vier Tage lang mit dem Verlobungsring im Rucksack durch New York gelaufen und habe ihn fest an mich geklammert«

Es ist bekannt, dass Carmen dir während deines Comebacks jeden Tag eine Motivationsbotschaft geschickt hat. Welche bleibt dir in Erinnerung?

Im vergangenen Jahr war sie immer für mich da, obwohl ich auch oft angespannt und schlecht gelaunt war. Insbesondere in den ersten eineinhalb Monaten, wo ich nichts selber machen konnte, war sie sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag für mich da. Und bis zum Nürnberg-Spiel, meinem ersten Pflichtspiel-Einsatz, hat sie mir jeden Morgen eine Nachricht geschickt. Daraus konnte ich Tag für Tag neue Kraft schöpfen. Insgesamt waren es 347 Botschaften, die für mich alle einen besonderen Wert haben. Deswegen habe ich sie auch alle in einer Notiz auf meinem Handy durchnummeriert und abgespeichert. (Holt sein Handy aus der Hosentasche und zeigt die Notiz) Insbesondere die erste Nachricht werde ich nie vergessen, weil sie mir die nötige Kraft gegeben hat, mit meiner Reha anzufangen. Sie lautet: „Erfolg im Leben wird nicht an dem gemessen, was du erreichst, sondern an den Hindernissen, die du überwindest.“ 

Im Sommer 2020 ist nun die Hochzeit geplant. 

Ja, genau. Wir heiraten am 6. Juni 2020 in einer kleinen Kirche in unserem Heimatort in Cabezón de la Sal. Danach fahren wir für die Feier und das Essen nach Santander, die nächstgrößere Stadt.

Welche Geschichte willst du bis zu deiner Hochzeit sportlich geschrieben haben?  

Ich möchte unbedingt ein Tor im Volksparkstadion schießen. Ich habe im vergangenen Jahr gemerkt, wie sehr der HSV und die Fans hinter mir standen und mich bedingungslos unterstützt haben. Dafür möchte ich mich bei den Fans mit mindestens einem Heimtor bedanken und gemeinsam mit ihnen feiern. Das ist mein persönliches Ziel für diese Saison und wäre ein echter Traum für mich. Welche Geschichte wir als Team bis dahin geschrieben haben möchten, ist allen klar, denke ich: Wir möchten den HSV zurück in die Bundesliga bringen. Das steht über allem.

»Ich möchte unbedingt ein Tor im Volksparkstadion schießen, das wäre ein echter Traum für mich«