Mit 18 Jahren verließ Martin Harnik die Hansestadt und startete seine Profikarriere. Nun, 14 Jahre später, kehrt der gebürtige Hamburger nach Hause zurück – und findet endlich mit seiner alten Jugendliebe zusammen. 

Alles ist vertraut, wohlbekannt, und genauso mag er es. Martin Harnik ist sichtlich froh, wieder dort zu sein, wo für ihn schon immer sein Zuhause war: Im Hamburger Südosten. Hier trifft er die HSVlive-Redaktion zum Fotoshooting, denn die Elbe, die Deiche, das ist für den 32-Jährigen Heimat. Hier an der Elbüberquerung am bekannten Zollenspieker Fährhaus kennt er sich aus. „Wir können auch noch kurz zum Sportplatz vom SCVM rübergehen, sind nur ein paar hundert Meter“, lädt Harnik zu einer weiteren kleinen Zeitreise ein. Dorthin, wo alles begann. Und dorthin, wo es irgendwann auch weitergehen soll. Denn dass Harnik mit den alten Mannschaftskollegen des SC Vier- und Marschlande nach seinem Karriereende wieder zusammenspielen möchte, das steht fest. „Dann werden wir in einer U40-Mannschaft alle wieder zusammenkommen und einfach gemeinsam kicken“, sagt er, lacht und schiebt nach: „Und hinterher gibt’s in der Kabine ’ne Kiste.“

Bis dahin steht aber der HSV im Fokus. Und genau dort, wo nach vielen Jahren endlich zueinanderfand, was zusammengehört, traf die HSVlive-Redaktion Martin Harnik einen Tag zuvor zum Interview: im Volksparkstadion. Was dieser Ort für den gebürtigen Hamburger bedeutet, wie sich seine Rückkehr für ihn persönlich anfühlt und wie er mit 14 Jahren Profi-Erfahrung über seine alte Liebe HSV und den Fußball ganz allgemein denkt, das erklärt Heimkehrer Martin Harnik im großen HSVlive-Interview.

Martin, nach mehreren Anläufen hat es nun doch noch einmal mit einem Wechsel zum HSV geklappt. Hättest du damit noch gerechnet? 

Nein, nicht wirklich. Im Fußballgeschäft ist es ohnehin schwierig, mit etwas zu rechnen oder zu planen. Vor allen Dingen bei einem Wechsel, der von vielerlei Faktoren abhängt. Ich habe aber insgeheim immer darauf gehofft, denn für mich war der HSV während meiner gesamten Laufbahn sowas wie eine Art Jugendliebe: Der HSV hat mich aus verschiedenen Gründen immer wieder abblitzen lassen, so dass ich danach jedes Mal zu mir gesagt habe: „Komm, egal, dann soll es wohl nicht sein.“ Doch sobald der Kontakt erneut aufflammte, habe ich wieder für den HSV gebrannt und hätte es gern gemacht. Deshalb bin ich jetzt umso glücklicher, dass es endlich geklappt hat. 

Hamburg ist deine Heimatstadt und der HSV – wie du es selbst formulierst – deine Jugendliebe. Was löst dieser Wechsel in dir aus? 

Der Fußball ist Deutschlands Sportart Nummer eins, die Bundesliga sein Aushängeschild. Für mich war es deshalb immer etwas Besonderes, in dieser Liga zu spielen – egal ob in Stuttgart, Hannover oder Bremen. Dennoch ist der HSV noch einmal darüber anzusiedeln. Wenn ich bei mir über die Dörfer fahre, dann hat jedes zweite Haus einen Fahnenmast im Garten und 90 Prozent davon haben die HSV-Flaggen gehisst. Der Verein war und ist in meiner Heimat allgegenwärtig – und ich bin ja noch nicht einmal in direkter Umgebung des Volksparkstadions groß geworden, sondern auf der anderen Seite der Stadt. Dennoch hat man immer gespürt: Der HSV ist das Größte! Das hat sich passiv bei mir eingebrannt, obwohl ich als Kind oder Jugendlicher aktiv gar nicht so viele Spiele im Stadion verfolgt habe. Wie groß dieser Verein aber tatsächlich ist, das habe ich jetzt bei meinem Wechsel gemerkt. Als alles in trockenen Tüchern war, hat mein Handy drei Tage lang nicht stillgestanden. Von allen Seiten gab es Nachrichten. In meinem Umfeld haben sich alle gefreut, dass ich endlich da bin. Da habe ich gedacht: „Wow, dieser Verein hat wirklich eine unglaubliche Tragweite.“ 

»Für mich war der HSV während meiner gesamten Laufbahn sowas wie eine Art Jugendliebe«

Hast du den HSV in den Jahren zuvor denn auch immer mit einem Auge verfolgt?

Ja, immer! Ich hatte natürlich meinen eigenen Verein und meinen eigenen Job, auf den ich mich konzentriert habe, aber gleichzeitig habe ich immer die Ergebnisse und die Berichterstattung rund um den HSV verfolgt. Ich habe ja auch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Hamburger bin und es für mich etwas ganz Besonderes wäre, Profifußball in der Heimatstadt zu spielen. Und zwar nicht immer nur als Spieler der Gastmannschaft, wenngleich diese Spiele auch schon immer sehr besonders waren.   

Bei deinem ersten Spiel im Volkspark als HSVer ist dir prompt ein Tor gelungen. Du hast es mit deinem gewohnten Thorhammer-Jubel gefeiert und anschließend eine Weile sehr intensiv Richtung Nordtribüne geschaut. Welche Gefühle sind da in dir hochgekommen?

Mir ging es dabei nicht darum, die Leute abzuholen oder bei meinem ersten Heimspiel künstlich eine große Identifikation aufzubauen. Im Gegenteil: Ich weiß, dass ich hier der Neue bin und dass ich von Werder Bremen komme. Ich will mich deshalb nicht durch Aktionismus beliebt machen, sondern über Leistung und Einsatz. Aber: Die Nordtribüne ist für mich generell etwas Besonderes. Ich habe viele alte Schulfreunde, Weggefährten und Mitspieler, die dort eine Dauerkarte besitzen. Ich habe in dem Moment zwar niemanden von ihnen gefunden, aber natürlich weiß ich, dass sie dort stehen und sitzen und welche Geschichte allgemein hinter dieser Tribüne steckt. Jetzt selbst vor der Nordtribüne ein Tor für den HSV zu schießen und zu bejubeln, das war einfach ein besonderer Moment für mich.

Du bist in Hamburg-Kirchwerder aufgewachsen, das ist deine Heimat. Dort geht es etwas beschaulicher zu, es erinnert nicht so sehr an die Großstadt, zu der es gehört. Bist du dort noch so verwurzelt, dass du für alle einfach nur „der Martin“ bist?

Ja, so ist es. Und ich bin froh, dass es noch so ist. Natürlich haben so ziemlich alle bei uns auf dem Dorf meinen Weg verfolgt. Gerade meine Eltern und meine Familie werden häufig auf die Spiele angesprochen, bekommen Schulterklopfer oder auch mal einen Spruch, wenn es nicht so gut läuft. Aber wenn ich zurückkomme – egal ob bei den Nachbarn, bei meinem Heimatverein oder im Supermarkt –, dann bin ich immer noch der Junge von damals, der Martin. Ich bin dort noch immer fest verwurzelt und das macht für mich Heimat aus. Man weiß, wo man ist und wie alles ist. Das ist das Schöne. Dieses Gefühl war Gott sei Dank für mich und meine Frau auch nie zu ersetzen. Wir haben uns überall wohlgefühlt und konnten uns auch immer ein soziales Umfeld aufbauen, aber die Heimat, Familie und Freunde waren und bleiben unersetzlich. Deshalb ziehen wir jetzt auch nicht mitten in die Innenstadt, sondern wieder in den Hamburger Osten, zurück in Richtung unserer Wurzeln.

Wenn wir über den Ursprung dieser Wurzeln sprechen: Welche Erinnerungen hast du noch an deine Kindheit zwischen Elbe und Deich, besonders im Zusammenspiel mit deinen beiden älteren Brüdern?

Ich glaube, ich war ein ungewollter Nachzügler. (lacht) Meine Brüder sind sieben und acht Jahre älter als ich, so dass ich mich von klein auf immer durchsetzen musste. Die beiden hatten immer ein Level und gemeinsame Interessen. Ich war derjenige, der nicht nur auf dem Platz, sondern auch Zuhause beim Spielen nur schwer mithalten konnte. Ich musste mich in dieser Hinsicht schon durchbeißen. Auch im Fußballbereich war ich aufgrund meines Geburtsdatums immer der Jüngste in den Jugendmannschaften. Ich war zudem körperlich recht klein. Das hat mir aber nichts ausgemacht. Ich wusste mir immer zu helfen und konnte gut einstecken.

Zurück zum Ursprung: Beim SC Vier- und Marschlande trat Harnik nicht nur zum ersten Mal, sondern von 1992 bis 2005 satte 13 Jahre gegen den Ball. „Der Platz ist immer noch am gleichen Fleck, früher haben wir aber auf Grand statt auf Kunstrasen gespielt“, sagt Harnik.

Fast deine gesamte Jugend als Fußballer hast du bei deinem Heimatverein SC Vier- und Marschlande verbracht. Wie blickst du auf diese Zeit zurück? 

Ich bin zunächst meiner Familie und vor allen Dingen meinem Papa sehr dankbar, dass sie mich immer maximal unterstützt haben. Ich wurde gefördert und auch gefordert, aber nie überfordert oder unter Druck gesetzt, dass ich aus meinem Talent unbedingt etwas machen muss. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie mein Vater mir als 15-Jähriger gesagt hat, dass ich in seinen Augen das Talent hätte, um in der Regionalliga zu spielen. Auch wenn ich von der Bundesliga geträumt habe, hat mir diese Aussage doch sehr den Druck genommen. Dafür bin ich dankbar. 

Du bist damals erst mit 18 Jahren zu einem Bundesligisten in den Nachwuchs gewechselt. Warum hast du dich damals dafür entschieden, so ungewöhnlich lange bei deinem kleinen Heimatverein zu bleiben? 

Ich war im Hamburger Raum in meinem Jahrgang sicher nicht ganz unbekannt und hatte in besagtem Alter auch schon Anfragen vom HSV und dem FC St. Pauli. Diese Angebote haben mich gereizt und stolz gemacht, aber meine Eltern waren diesbezüglich sehr bedacht. Die Schule stand an erster Stelle, zudem hätte viel Fahrerei auf dem Programm gestanden, da ich ein kleiner „Heimscheißer“ war, der auf keinen Fall ins Internat ziehen wollte. Ich wollte unbedingt bei meiner Familie bleiben. Am Ende haben wir immer gemeinsam die Faktoren abgewogen und entschieden, beim SC Vier- und Marschlande zu bleiben. Dort habe ich schließlich auch immer auf hohem Niveau gespielt, das war ausschlaggebend. Gleichzeitig hatte ich die Möglichkeit, bereits mit 16 Jahren im Herrenbereich zu spielen. Das war zwar nur die Landesliga, aber dennoch war es eine wichtige Erfahrung und ein Karriereschritt, sich bereits in so jungen Jahren im Männerfußball zu beweisen.  

Ist es in deinen Augen heute überhaupt noch denkbar, dass ein Talent so lange für seinen Heimatclub spielt und nicht in ein Nachwuchsleistungszentrum wechselt? 

Das weiß ich nicht, aber ich bin froh, dass ich es so gemacht habe. Ich habe jetzt selbst einen kleinen Sohn, der gegen den Ball tritt, aber ich weiß ehrlich gesagt aktuell nicht, was ich ihm später raten würde. Für die persönliche Entwicklung und den Spaß am Fußball war mein Weg gut. Der Leistungsdruck ist in einem Profiverein schließlich ein ganz anderer als im Heimatverein und ich bekomme ja heute mit, mit welch schwierigen Situationen junge Talente mitunter konfrontiert werden. Mit dem Selektionsprozess muss man in jungen Jahren erstmal umgehen können. Unsere Mannschaft ist damals auf natürliche Art und Weise gewachsen. Wenn jemand durchs Sieb gefallen ist, dann haben die Spieler meist selbst festgestellt, dass sie nicht gut genug sind oder gern mehr spielen möchten. Sie hatten es eigentlich selbst in der Hand. Das ist in einem Profiverein sicherlich anders.

Inwiefern war der Schritt zu Werder Bremen, wo du zunächst sowohl in der A-Junioren-Bundesliga als auch im Regionalliga-Team gespielt hast, mit 18 Jahren dennoch eine krasse Umstellung?

Das war sehr schwer und anfangs habe ich auch die eine oder andere Träne verdrückt. Und das, obwohl ich mit Max Kruse, mit dem ich zuvor in der Jugend zusammengespielt hatte und mit dem ich dann zeitgleich nach Bremen gewechselt war, gemeinsam in einer WG gewohnt habe. Das lag einfach daran, dass ich in Hamburg so sehr verwurzelt bin. Besonders im ersten Monat habe ich häufig gegrübelt, ob das wirklich die richtige Entscheidung war und ob es das ist, was ich will. Letztlich findet man im Fußball aber immer schnell Anschluss. Man teilt gewissermaßen ein ähnliches, ein ja an sich sehr positives Schicksal mit anderen Jungs, die für ihren großen Traum ebenfalls ihre Familie zurückgelassen haben. Das schweißt zusammen.

Hast du dieses System im Fußball manchmal auch verflucht? 

Ich habe das Fußballsystem schon öfter mal zumindest hinterfragt. Fußballprofi zu sein, das ist natürlich ein Traumberuf, keine Frage. Wenn das nicht so wäre, dann würden erstens nicht so viele Menschen danach streben und zweitens nicht so viele Personen es bis zum Ende durchziehen. Das Gesamtpaket ist natürlich richtig gut. Dennoch hat auch dieser Beruf seine Kehrseiten. Im Fußball gibt es viel Schwarz oder Weiß – und dazwischen ist nicht viel Platz. Und dann wirst du nach dem Spiel nicht mehr bejubelt, sondern weggepfiffen und beschimpft. Damit muss man erstmal klarkommen. Deshalb genieße ich die guten Phasen umso mehr, weil ich weiß, wie schnell es auch wieder in die andere Richtung gehen kann. Was für mich aber das größte Opfer war und ist, ist die schwindende Privatsphäre. Ich bin deshalb zum Beispiel komplett frei von Social Media, weil ich keine Lust habe, mich angreifbar zu machen und noch transparenter zu sein als ich es ohnehin schon bin. Sandro Wagner hat dazu zuletzt einen guten Standpunkt eingenommen. Diese Anonymität im Internet und die Kommunikation dort sind grauenhaft. Das gibt mir gar nix, nullkommanull. Im echten Leben gebe ich außerhalb des Stadions gern Autogramme, mache Fotos und erfülle Wünsche, aber auch da habe ich meine Prinzipien.    

Die da wären? 

Mir kommt das persönliche Miteinander manchmal viel zu kurz. Viele sprechen dich nicht mehr mit einem ganzen Satz an. Manchmal halten mir die Leute nur noch einen Stift oder ein Handy hin und sagen: „Harnik, Selfie!“ Da gibt es keinen ganzen Satz und kein „Bitte“ mehr. „Danke“ sagen noch die meisten, aber die Umgangsformen sind grundsätzlich echt unangenehm geworden. Ich schreibe es mir deshalb auf die Fahne, diese Leute darauf anzusprechen. Manche von ihnen meinen es ja gar nicht böse oder respektlos, sie bekommen es einfach so vorgelebt. Denn die vernünftigen Umgangsformen gehen mehr und mehr verloren und wir müssen uns immer wieder daran erinnern – in guten wie in schlechten Zeiten. 

»Die Leute sind wieder stolz auf ihren HSV«

Stichwort gute Phase: Du hast beim HSV einen super Einstand erlebt. Wie ist dein grundsätzlicher Eindruck, nachdem du in den vergangenen Wochen nun auch das Innenleben des Clubs kennengelernt hast? 

In den letzten Monaten hat sich beim HSV natürlich sehr viel verändert und ich bin sehr positiv überrascht, wie schnell so ein Umbruch klappen kann. Ein Verein steht und fällt immer mit der sportlichen Situation. Diese ist aktuell sehr gut, deshalb ist die Kritik auch relativ klein. Unabhängig davon spürt man aber, dass in puncto sportlicher Führung und Trainerteam sehr viel in eine gemeinsame Richtung geht. Man spürt ein gutes Miteinander und das überträgt sich über kurz oder lang immer auch auf die Mannschaft. Das ist umgekehrt genauso. Wenn man merkt, dass im gesamten Verein und speziell in der Führung Unruhe herrscht und sich die Leute untereinander nicht einig sind, dann gehen der Fokus und die Energie auch auf dem Platz verloren. Es muss klar sein, wie die Hierarchie ist und wie der Weg aussehen soll. Wenn dann jeder seinen Platz kennt, dann ist auch jeder bereit und fähig, seine beste Leistung zu bringen. In den Büros genauso wie auf dem Feld. Diesbezüglich habe ich bisher einen sehr guten Eindruck gewonnen. 

Wenn dieser eingeschlagene Weg weiter fortgeführt werden kann, was ist dann aus deiner Sicht für den HSV möglich? 

Sehr viel, denn die Tragweite des HSV ist unglaublich. Der HSV ist von seiner Strahlkraft und dem gesamten Umfeld her noch immer einer der größten Vereine in Deutschland. Die Fans, das Stadion, die Stadt, das Einzugsgebiet – das ist alles so riesig. Ich merke das speziell immer wieder an der Familie meiner Frau, die sehr HSV-affin ist. Die haben alle seit vielen Jahren Dauerkarten im Volkspark und haben die letzten Jahre in ihrer Enttäuschung so viel auf ihren HSV geschimpft – und trotzdem kriegt man sie mit einem positiven Signal des Clubs sofort wieder zurück. Sie gehen ins Stadion, tragen die Trikots, hissen die Flagge. Und das gilt ja für alle HSVer und Hamburger. Das Potential ist so groß, wir müssen es nur wieder wecken. Das gelingt in erster Linie natürlich über den sportlichen Erfolg, aber auch über ein gutes Auftreten und eine starke Haltung. Der Verein hat diesbezüglich bei den jüngsten Themen ein sehr geschlossenes Bild abgegeben. Damit identifizieren sich die Leute und sind dann wieder stolz auf ihren HSV. Und das ist schon mal ein sehr guter Anfang.