CD11 – DER ERSTE POPSTAR DES FUSSBALLS

Am 18. September feiert der beste Linksaußen, der je mit der Raute auflief, seinen 80. Geburtstag. ALLES GUTE, LIEBER CHARLY DÖRFEL! Wir schwelgen nochmal in Erinnerungen und gratulieren und bejubeln die legendäre Nummer 11 des HSV mit elf anekdotenreichen biografischen Schlaglichtern.

#1 – Gert mit »t«, »Charly« und »Atze«

Sein eigentlicher Vorname wurde und wird oft falsch geschrieben, vielleicht weil die Kurzform von „Gerhart“ ziemlich selten vorkommt. Andere prominente „Gerts“ waren: Gert Fröbe (1913-1988; Schauspieler, u.a. als James-Bond-Bösewicht „Goldfinger“), Gert Bastian (1923-1992; Bundeswehr-General und Grünen-Politiker) oder Gert Westphal (1920-2002; Regisseur, Schauspieler und Hörbuch-Sprecher, „König/Caruso der Vorleser“)..In Gert Dörfels Pass steht zudem noch ein zweiter Vorname: Friedo – nach seinem Vater.

Seit Sommer 1959, just also als der damals 19-Jährige von der Amateur- in die Liga-Mannschaft des HSV wechselte, hörte er ohnehin auf einen ganz anderen (Vor-)Namen. Damals dröhnte es aus der Juke-Box: „Charly Brown, Charly Brown, das ist ein Clown, der Charly Brown“. Die Hit-Melodie – im US-Original von den Coasters – wurde vom Songwriter und Musikproduzenten Hans Blum, aus dessen Feder später auch der heute noch gespielte „Zebra-Twist“ des MSV Duisburg stammt, mit einem deutschen Text versehen: „Wer tut, was er nicht tun soll? Charly Brown, der hat nur immer Unsinn im Sinn.“ Das passte perfekt zu Spaßvogel Dörfel – nicht nur inhaltlich, sondern wegen der frappierenden Ähnlichkeit zur Comicfigur des Zeichners Charles M. Schulz vor allem auch optisch. Da Dörfel zudem den populären Schlager nach den Trainingseinheiten derart inbrünstig und eingängig schmetterte, tauften ihn seine Mannschafts­kameraden sofort um. Fans und Presse übernahmen den Spitznamen nur zu gerne. Anders als Bernd Dörfel, dem der Name Charly „nicht besonders gefällt“. Er nennt seinen Bruder bis heute „Atze“, wegen der Ähnlichkeit mit dem erst kürzlich verstorbenen Filmproduzenten Artur „Atze“ Brauner (1918-2019).

Bei der Geburt getrennt: Charly Dörfel vom HSV und Charlie Brown von den Peanuts – absolute Hits auf dem Rasen und den Comic-Seiten sowie in der Juke-Box.

#2 – Gute Gene

Vier herausragende HSVer, drei davon A-Nationalspieler – die Geschichte der Fußballer-Dynastie Dörfel ist einmalig. Gert Dörfels Vater Friedo Franz Ferdinand (1915-1980), ein ruhiger und zurückhaltender Zeitgenosse, war ein glänzender Allrounder und wurde sowohl als Rechtsaußen und Halbstürmer als auch in der Defensive eingesetzt. Für den HSV bestritt er zwischen 1934 und 1948 255 Pflichtspiele (103 Tore) und kam 1942 zu 2 A-Länderspielen (1 Tor). Nach seiner aktiven Laufbahn trainierte Friedo u.a. die Oberliga-Teams vom Harburger TB, VfB Lübeck und Bremer SV und verfolgte als aufmerksamster und größter Kritiker die Karrieren seiner Söhne Gert und Bernd.

Charakterlich kommt Gert Dörfel eher nach seinem extrovertierten Onkel Richard (1911-1965), der dafür bekannt und berüchtigt war, dass er kein Blatt vor den Mund nahm. Auch er ein extrem vielseitiger Spieler, ein „kompromissloser Kämpfertyp, hart im Geben und Nehmen“, wie es in der 1987 erschienenen Chronik „100 Jahre HSV“ heißt. Für die Rothosen kam Richard zu 237 Pflichtspielen und 73 Toren (1931-48) und wurde zum „Ehrenspielführer“ ernannt. Seine größten Erfolge, die deutsche Vize-Meisterschaft 1942 und der DFB-Pokalsieg 1943, feierte er jedoch als Kriegsgastspieler bei Vienna Wien. Trotz seiner herausragenden Qualitäten blieb Richard Dörfel ohne Länderspiel, u.a. weil er „königliche“ Haltung bewies und den „Führergruß“ verweigerte.

Gerts jüngerer Bruder Bernd (*1944) schließlich war ein schneller und technisch versierter Außen- bzw. Halbstürmer. Für ihn stehen von 1963 bis 1968 exakt 102 HSV-Pflichtspiele und 22 Tore zu Buche. In der Bundesliga spielte Bernd 73-mal an der Seite seines Bruders und in der Saison 1968/69 für Eintracht Braunschweig auch zweimal gegen ihn. Mit einem gemeinsamen Länderspiel wurde es nichts hingegen. Als Bernd (15 A-Länderspiele/2 Tore, 1966-69) erstmals nominiert wurde, war Gerts Karriere im Auswahldress bereits beendet. Der heute in Radolfzell am Bodensee lebende Bernd sagt dazu rückblickend: „Dass Atze weniger Länderspiele hat als ich, ist im Grunde ein Witz. Denn er war es, der das wirklich große Talent besaß!“

Weniger bekannt ist, dass Gert Dörfel auch noch von anderer Seite viel Gutes und für seine Sportlerlaufbahn Nützliches in die Wiege gelegt bekam. Auch Mutter Antonie war mit einer kessen Sohle und reichlich Rhythmusgefühl gesegnet. Sie und Friedo lernten sich beim Tanzen auf der Veddel kennen und lieben. Ein feines Händchen bewies sie zudem nicht nur bei der „strengen, aber dabei immer gerechten und sehr liebevollen Erziehung“ ihrer beiden Jungs, sondern auch als Torhüterin des SC Hermannia Veddel, mit dem sie Hamburger Meisterin im Feldhandball wurde.

Ballgefühl im Blut: Friedo Dörfel (Mitte) mit seinen Söhnen Bernd (l.) und Gert (r.).

#3 – »Äppelklaun« und Straßenfußball

Im 2. Weltkrieg in Harburg ausgebombt und 1944 ins schleswig-holsteinische Kleve evakuiert, fanden die Dörfels 1946 in der Grabestraße in Altona-Altstadt ein neues Zuhause. Vater Friedo arbeitete als Fuhrunternehmer (Gemüse, Backpulver, Kriegsschutt) und meldete seinen Sohn Gert in der Fußballabteilung der Sportvereinigung Polizei an, die ihren Platz in unmittelbarer Nähe an der Holsten-/Ecke Haubachstraße hatte. Gert durchlief als „Polizist“ alle Knaben- und Jugend-Mannschaften und wurde schon als 16-Jähriger mit einer Sondergenehmigung für die 1. Herren freigeholt.

Mit den Übungseinheiten war der Buttje aber lange nicht ausgelastet. Nach der Schule hieß es oft sofort: „Ruck zuck övern Zaun!“ – Angesagt war: Mauerklettern und Balancieren (in halsbrecherischer Höhe am Altonaer Bahnhof), Äppelklaun (am liebsten im Hinterhof der nahegelegenen Polizeiwache, wo die schönsten Früchte wuchsen) und natürlich Kicken bis zum Umfallen in den damals noch wenig befahrenen Gassen. Mit seinen Kumpels gründete Gert den Straßenfußballklub „FC Lessing“, für den der nahegelegene Lessing-Tunnel Namenspate stand. Als Spielort diente ein Schlacke-Platz an der Max-Brauer-Allee. Neben den Dörfel-Brüdern kamen mit den späteren HSVern Harry Bähre (78/2) und Hubert Stapelfeldt (15/0), Heiko Kurth (13/2) sowie Jürgen Wähling (12/0 für Tasmania Berlin) allein sechs Spieler vom FC Lessing zu Bundesliga-Ehren. Legendär der Auftritt der Altonaer Straßenkicker im Jahr 1957, als 3000 (!) Zuschauer am Sportplatz am Veilchenweg den 3:1-Sieg über die Elf vom Eimsbütteler Grandweg verfolgten.

Echte Straßenfußballer und dicke Kumpels: Harry Bähre (links) und Gert Dörfel gingen schon in den 1940er und 50er Jahren als Freizeitkicker in ihrer legendären Altonaer Straßenmannschaft „FC Lessing“ gemeinsam auf Torejagd. Von 1960 bis 1967 dann auch als Vertragsspieler in der Oberliga Nord und Bundesliga für den HSV.

#4 – Traumpaar Dörfel/Seeler

Ein Einstand nach Maß: Gleich Dörfels erste Saison in der HSV-Ligamannschaft wurde durch den abschließenden 3:2 Endspiel-Triumph von Frankfurt gegen den 1. FC Köln mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft gekrönt. Es war die Geburtsstunde von Europas neuem Fußball-Traumpaar. „Charly gibt die Flanke, Uwe köpft sie rein“ – so sangen die Fans zur Melodie des Weihnachtsliedes „Alle Jahre wieder“. Dörfel zog auf links durch und flankte scharf und mit ungeheurer Präzision in den Strafraum, wo Uwe Seeler lauerte, um per Kopf oder Fuß zu vollenden (anschaulich-eindrucksvoll auf YouTube: Ausschnitte vom Tor zum 2:0 im DFB-Pokal-Finale 1963!). Zahlreiche Treffer entstanden nach diesem Strickmuster. Zum DM-Titel 1960 etwa steuerten Seeler 49 (!) und Dörfel 19 Tore bei. Und auch wenn die Abwehrreihen bald wussten, was gespielt wurde, konnten sie das Unheil doch nicht verhindern.

„Ich brauchte gar nicht in die Mitte zu schauen. Ich habe schon vor dem Flanken gerochen, wo der Dicke stand“, sagt Dörfel und resümiert: „Dass ich so viele Jahre beim HSV gespielt habe, verdanke ich eigentlich nur Uwe. Einige bezeichnen mich als seine Braut auf dem Platz. Ich sage heute: Ich war Seelers Subunternehmer. Ich kann voller Stolz sagen, dass ich diesem Fußball-Halbgott 13 Jahre lang gegen den Kopf schießen durfte. Er soll froh sein, dass er davon keinen Dachschaden bekommen hat.“

Traumpaar Seeler/Dörfel (im März 1963 gegen Arminia Hannover): „Charly gibt die Flanke, Uwe köpft sie rein“ – bekanntes Strickmuster, kaum zu verteidigen.

#5 – »Horch, was kommt von draußen rein«

Der HSV-Sportplatz am Rothenbaum, dort wo Spieler und Publikum auf Tuchfühlung gehen konnten, war die perfekte Bühne für den Fußball-Clown Charly Dörfel. Hier ein kleiner Klönschnack, dort mal die Hand aufgehalten und ein Kaugummi oder Pfefferminz-Bonbon abgestaubt. Dörfels Spezialität – den Gegner provokant bis auf eine Zehenspitze heranlocken, um dann im Doppelpass oder Alleingang explosionsartig an ihm vorbeizurauschen – kam in dem engen Stadion besonders effektvoll zur Geltung. Die Zuschauer feuerten und stachelten den HSV-Linksaußen an: „Charly, mach ihn lecker!“ Oder: „Charly, gib ihm die Fahrkarte!“ Und diejenigen, die in den ersten Reihen an der Außenlinie saßen, konnten Dörfels „Fahrtwind“ und seinen Spaß am Fußball förmlich spüren, ja manchmal sogar hören. Es kam nämlich vor, dass Dörfel lauthals pfeifend oder singend an den Verteidigern vorbeizog. Unvergesslich ist den Augen- und Ohrenzeugen in dieser Beziehung das Oberliga-Spiel gegen den Bremer SV vom Oktober 1962. Mit „Horch, was kommt von draußen rein? Kann nur Charly Dörfel sein!“ auf den Lippen spielte der HSVer seinen Gegenspieler Gregor Budelmann derart schwindelig, dass dieser anschließend einige Zeit nicht mehr in der Mannschaft zu sehen war. „Auch wenn es natürlich so aussah: Ich wollte den nicht verscheißern, ehrlich nicht. Ich hatte einfach Spaß, bin nach dem Spiel aber auch zu Budelmann hin und habe mich bei ihm entschuldigt.“

Natürlich gab es auch unbequeme Gegenspieler. Dörfel erzählt: „Gerhard Göhrke von Altona 93 lag mir nicht so. Der war ähnlich schnell wie ich und ging gut zur Sache. Schlimm war Sepp Piontek von Werder. Der hat mich mal auf die Aschenbahn getreten. Aber ein Zuschauer hat mich sofort gerächt und ihm tüchtig eins mit dem Regenschirm auf die Rübe gegeben!“
Und noch eine Rothenbaum-Anekdote: „Einmal war Harry Bähres Bruder Horst aus Gummersbach zu Gast“, erinnert sich Dörfel. „Ich fragte Horst: ,Du, wo sitzt Du denn?‘ Er wollte mir das nicht verraten, hatte wohl Angst, dass ich was mit ihm anstellen wollte. Und da hatte er natürlich recht! Während des Spiels hab ich also immer wieder auf die Tribüne geguckt. Und als ich ihn endlich entdeckt hatte, sagte ich zu den umsitzenden Fans: ,Da! Ich habe ihn gefunden!‘ Während ich so rumschäkerte, kam der Ball, den spielte ich nebenbei schnell weiter, bekam Sonderapplaus und konnte weiterreden: Horst Bähre hatte in der Zwischenzeit natürlich eine hochrote Birne bekommen.“

Flügelflitzer Dörfel am Rothenbaum (im Januar 1961 gegen den VfB Lübeck mit Verteidiger Rolf „Beppo“ Gieseler): Muckelige Wohnzimmer-Atmosphäre, perfekte Showbühne, einmaliges Milieu.

#6 – James Bond?

Bei der Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 war der HSV der erste Klub, der eine Lizenz für die neue Spielklasse beantragte und erhielt. Die Spielerpässe wurden entsprechend des Alphabets durchnummeriert. Und da es im damaligen HSV-Kader keinen Spieler gab, dessen Nachname mit dem Anfangsbuchstaben „A“ begann, war Harry Bähre derjenige, der den Pass mit der legendären Nummer 001 bekam und somit laut DFB-Unterlagen offiziell der erste Bundesliga-Spieler ist. Bähre erinnert sich, wie Charly Dörfel, sein alter Kumpels aus Straßenfußball-Tagen, flachste: „Harry, Du bist zwar 001, doch ich bin 007!“ Erst viel später fand Bähre heraus, dass das gar nicht stimmte: „Charly bekam nach Fritz Boyens, Hoddl Dehn und seinem Bruder Bernd die Nummer 005.“ Der Spieler mit der berühmten Kennung des britischen Geheimagenten und Kino-Helden müsste dementsprechend Torhüter Hans Krämer gewesen sein.

Gestatten: Krämer. Hans Krämer. Der Torwart, beim Bundesliga-Start 1963 mit 34 Jahren der Senior im HSV-Profi-Kader, erhielt den Spielerpass mit der Nummer 007. Im Schatten von Stammkeeper Horst Schnoor agierte er entsprechend auch eher „im Geheimen“ und kam bis 1965 zu fünf Einsätzen in der neuen Eliteklasse.

#7 – Berühmte erste Tore

Doch auch mit der 005 hatte Dörfel die Lizenz zum Torschießen und war ganz vorne mit dabei. Und wie! Bei der Bundesliga-Premiere des HSV am 24. August 1963 im Preußen-Stadion in Münster erzielte er vier Minuten vor dem Abpfiff den Treffer zum 1:1-Endstand: Ernst Kreuz hatte einen Eckball von der linken Seite scharf vors Münsteraner Tor geschlagen. Hubert Stapelfeldt und Peter Wulf sprangen am Ball vorbei, und auch Preußen-Keeper Herbert Eiteljörge verfehlte die Kugel. Nicht aber Charly Dörfel, der den durchrauschenden Ball in die Maschen köpfte: „Ich habe da am langen Pfosten sozusagen ein kleines Nickerchen gemacht, bin nicht mal richtig hochgesprungen, sondern einfach nur gegen den Ball gelaufen“, grinst er und bezeichnet noch heute den historischen ersten HSV-Bundesliga-Treffer als „echtes Krümelding“.

Eine Woche später verewigte sich Gert Dörfel erneut in den Chroniken, indem er auch für das erste HSV-Heimtor in der Bundesliga verantwortlich zeichnete. Mehr noch: Dörfel war es, der als Dreifach-Torschütze quasi im Alleingang die Partie gegen den 1. FC Saarbrücken drehte und nach einem 0:2-Rückstand im Volkspark doch noch für großen Jubel sorgte. Das Spiel zeigte die ganze Bandbreite des Dörfelschen Offensiv-Repertoires: Beim 1:2 verwertete er aus vollem Lauf einen Steilpass von Uwe Seeler. Beim 2:2 sprintete er wach und listig in ein missratenes Anspiel von Torwart Volker Danner auf Verteidiger Horst Remark, um dann ins leere Tor einzuschieben. Das 3:2 durch Uwe Seelers Kopfball-Bogenlampe bereitete er per Eckball vor. Und beim Treffer zum 4:2-Endstand schließlich vollstreckte er fulminant und volley aus zwölf Metern.

Dolle Dörfel-Dinger – hart erkämpft (oben: im März 1964 gegen Meiderich zum 3:3 nach 0:3-Rückstand – „Bei Hamburger Schmuddelwetter, Regen, Windstärke 9 und morastigem Boden war ich besonders gut. Da mussten sie mich mit dem Lasso einfangen. Kein Märchen!“) oder auch höchst elegant, mit einem Schleifchen drum (unten: im August 1967 zum 4:1-Endstand bei Werder – „Mein Lieblingstor: Fallrückzieher von der Strafraumgrenze, Unterkante Latte, drin. Schade, dass das Tor des Monats der Sportschau erst 1971 eingeführt wurde!“).

#8 – »Linksdraußen«

Auch in der Nationalelf benötigte Gert Dörfel so gut wie keinen Anlauf. Bei seinem „sensationellen“ Debüt im August 1960, einem 5:0 auf Island, verzückte er mit zwei Toren. Begeisterungsstürme – selbst beim Heimpublikum – löste dabei sein Treffer zum 3:0 aus, als er die Torauslinie entlang nach innen dribbelte und dann den Ball gleichsam elegant wie frech aus eigentlich unmöglichem Winkel über Torwart Danielsson ins Netz schlenzte. Dörfel übernahm zudem gekonnt die nach dem Abgang von 54er-Weltmeister Helmut Rahn vakante Position der Stimmungskanone im Team. In den nachfolgenden WM-Qualifikationsspielen in Nordirland und Griechenland zählte der HSVer erneut zu den herausragenden Spieler und Torschützen. Die einhellige Meinung: Deutschland hat wieder einen tollen Linksaußen!

Umso erstaunlicher, dass Dörfel 1962 dann nicht zum Aufgebot für die WM-Endrunde in Chile zählte.
„Ich war ziemlich perplex“, erzählt Dörfel. „Im Prinzip war ich schon eingekleidet, da haben sie mir im letzten Moment noch die Gangway vor der Nase weggezogen.“ Herberger wollte in Südamerika defensives Catenaccio spielen lassen. Ein krasser strategischer Fehler. Denn ohne die maßgenauen Zuspiele seines vertrauten HSV-Partners blieb der kopfballstrake Zielspieler Uwe Seeler in Südamerika weitgehend wirkungslos, und das DFB-Team musste schon nach dem Viertelfinale seine Koffer packen.

Eine vertane Chance. Auf dem Thema Nationalmannschaft und Charly Dörfel lastete anschließend ein Schatten. Frei von Schuld an dieser Entwicklung war der „Linksdraußen“ dabei freilich nicht. „Einige Dinge würde ich heute vermutlich nicht mehr so machen“, gibt er zu. „Mein Vadder hat mir noch im Testament Vorwürfe gemacht. Der konnte es bis zuletzt nicht verknusen, dass ich Länderspiele abgesagt habe. Doch ich hatte manchmal einfach keine Lust. Vor einem Länderspiel gegen Jugoslawien dachte ich etwa, dass die Jungs in Belgrad sowieso einen auf den Hut bekommen – da ging ich lieber zur Arbeit.“

Raketenstart im Adlerdress: Zwei Treffer beim Debüt auf Island und gleich danach der nächste Doppelpack in der WM-Quali in Belfast/Nordirland (Foto oben). Am Ende stehen aber nur 11 A-Länderspiele in Dörfels Vita. Der HSV-Linksaußen hätte viel häufiger zum Kreis der besten Spieler Deutschlands (Foto unten: im Mai 1963 beim Lehrgang in Malente mit Uwe Seeler, Bundestrainer Sepp Herberger und Jürgen Kurbjuhn) gehören müssen.

#9 – »Silence is golden«

Die Hit-Single der Tremoloes von 1967 gehört selbstverständlich zu Gert Dörfels umfangreicher Tonträger-Sammlung. Womöglich hätte er die Scheibe häufiger mal auflegen sollen. Er sagt: „Vielleicht hätte ich in meiner Karriere noch mehr erreichen können. Aber ich war eben kein Diplomat, hatte zu häufig ein zu lautes Mundwerk und einen ständigen Schalk im Nacken, der mich manchmal allerdings auch gerettet hat. Das war meine Art, mein Ventil, um Druck abzulassen.“

Zwei Beispiele: Beim Bundesliga-Spiel im Oktober 1968 gegen 1860 München beklagte sich Dörfel bei Schiedsrichter Edgar Deuschel über die raue Gangart des Gegners und löste folgenden Dialog aus, an dessen Ende einer der kuriosesten Platzverweise der Bundesliga-Historie stand: Dörfel: „Das war Freistoß für mich.“ – Deuschel: „Nein, seien Sie ruhig.“ – Dörfel: „Ich bin nicht ruhig, das war für uns.“ – Deuschel: „Ich verwarne Sie. Wie heißen Sie?“ – Dörfel: „Meier.“ – Deuschel: „Ihr Name?“ – Dörfel: „Meier.“ Deuschel: „Der Name steht nicht auf dem Spielbericht. Dann gehen Sie mal duschen, Herr Dörfel.“ Für den Spott brauchte der „Sünder“ nicht mehr zu sorgen. Das erledigten nach Abpfiff feixend Münchens Trainer Albert Sing sowie Torwart Petar Radenkovic und Verteidiger Bernd Patzke, als sie an die Tür der HSV-Kabine klopften: „Wir wollen gern Herrn Meier sprechen!“ Der hatte sich aber schon in den Mannschaftsbus verkrochen und war den Tränen nah: „Es war doch nicht bös‘ gemeint. Ich wollte nur einen kleinen Scherz machen.“

Eine Flapsigkeit war es schließlich auch, die Anfang der 1970er Jahre Dörfels Ende beim HSV einleitete: „Als wir mit unserem neuen Trainer Klaus-Dieter Ochs – der war wirklich ein Ochse! – unterwegs waren, sagte der zu mir: ,Charly, du bekommst jetzt mit Schorsch Volkert mächtig Konkurrenz!‘ Zuvor war ich 13 Jahre konkurrenzlos. Ich antwortete daher lapidar: ,Dann leg ich mal ’nen Zahn zu.‘ Dummerweise fügte ich noch hinzu: ,Im Übrigen, Herr Ochs: Ich habe schon sieben Trainer überlebt.‘“

#10 – Beruf …

Fußballer in der höchsten Liga – das war im Deutschland der 1950er und 1960er Jahre kein so lukrativer Job, dass man davon allein seinen Lebensunterhalt hätte bestreiten können. Gert Dörfels erster Vertrag beim HSV sicherte ihm 350 DM brutto plus 50 DM Siegprämie, weshalb er wie die meisten seiner Kollegen zumindest halbtags noch einem Zivilberuf nachging. Als Schüler wollte Dörfel eigentlich Konditor werden. Doch nach dem Hauptschulabschluss absolvierte er eine dreijährige Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Immerhin: Süß ging es bei der Firma Max Schierbeck (Cadbury Schokolade) zu. Vielsagender Auszug aus dem mit der Gesamtnote „2“ unterschriebenen Abschlusszeugnis: „Sein frisches, lebhaftes Auftreten ließ ihn ein gutes Verhältnis zu unseren Mitarbeitern finden.“

Zwischen Juli 1958 und September 1962 arbeitete der ausgewiesene Abstinenzler („Keine Zigaretten! Kein Alkohol! Ich nippe höchstens mal an einem Alsterwasser!“) als Buchhalter bei der Holsten-Brauerei, wo er sich vor allem um die Konten der Fassbierkunden kümmerte. Weitere Jobs führten Dörfel in die Bauabteilung des Norddeutschen Rundfunks (1962 bis 1966) und ein Steuerberatungsbüro (1967 bis Ende 1971). Im November 1965 eröffnete er zudem für anderthalb Jahre ein Kaffee- und Spirituosen-Geschäft in Hamburg-Duvenstedt. Nach Ende der sportlichen Laufbahn und kurzen Tätigkeiten als Telegrammbote und Rechnungsprüfer legte Dörfel die Prüfung zum Verwaltungsangestellten ab und trat 1978 als Vollstreckungsbeamter in den Dienst des Hamburger Wirtschafts- und Ordnungsamtes ein. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 legte er klapprige Kraftfahrzeuge still, mahnte säumige Unterhaltszahler oder kassierte Hundesteuer. Dabei kam ihm sein Talent als Tierstimmen-Imitator zugute: „Ich konnte heulen wie ein Wolf. Wenn jemand seinen nicht angemeldeten Hund versteckte, habe ich einfach gebellt oder gejault. Dann kam der Vierbeiner aus seinem Versteck und ich konnte abkassieren.“

… und Berufung

Talentierter Entertainer: Dörfel brillierte nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern u.a. auch als „Tierflüsterer“ und Tierstimmenimitator (im Oktober 1971 am Rothenbaum) …

Atemberaubende Akrobatik (lebensgefährliche Kletterpartien auf Island oder über den Wasserfällen von Iguaçu im brasilianisch-argentinischen Grenzgebiet) verblüffende Jonglagen und Balance-Tricks (Schere auf der Stirn, minutenlang die Meisterschale auf dem Kinn), Tier-Hypnosen und täuschend echte Tierstimmen-Imitationen („Der Buchfink ist mein Favorit!“) oder gleichsam ans Herz und die Lachmuskeln gehende Auftritte als Clown – Bernd Dörfel erklärte dazu: „Mich wundert im Nachhinein, dass früher nie ein großer Zirkus an meinen Bruder herangetreten ist, um ihn zu verpflichten – bei seinen Fähigkeiten! Mitte der 1970er Jahre wäre ein idealer Zeitpunkt gewesen, aber leider hat damals wohl niemand so recht seine weitergehenden Talente erkannt. Ich bin mir sicher, dass er eine große Karriere gemacht hätte. Der Zirkus wäre sein Metier gewesen!“

Anders sah es da schon bei Gert Dörfels Sangeskünsten aus: Mit seinem Ausflug ins Tonstudio stieg Dörfel im September 1964 zum ersten Popstar des deutschen Fußballs auf. Zwar hatten sich schon andere Sportgrößen wie die Eiskunstläufer Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, Boxer Bubi Scholz oder Leichtathlet Martin Lauer am Mikro versucht. Doch im Fußball war Dörfel der absolute Pionier – deutlich eher und vor allem deutlich melodiöser als nach ihm die Münchner Petar Radenkovic („Bin i Radi, bin i König“), Gerd Müller („Dann macht es bumm!“) und Franz Beckenbauer („Gute Freunde kann niemand trennen“). Dörfel war zuvor bereits mit der Bergedorfer Rock’n’Roll-Band „Raimondos“ durchs Hamburger Umland getourt und hatte Cover-Versionen von Buddy Holly, Elvis Presley und Paul Anka zum Besten gegeben. Gute Mucke in der Provinz. Stets vor voller Hütte. Nach Winsen, Buxtehude und in die Stader Schützenhalle kamen bis zu 1.000 Besucher, die staunten, wie Charly mit hoher Stimme Süßholz raspelte. Kurze Zeit später kam die Plattenfirma Polydor auf den singenden Kicker zu und wollte eine Single mit ihm machen. Dörfel lacht: „Ich wollte eigentlich ’ne coole Rock’n’Roll-Nummer abliefern, doch Produzent Bobby Schmidt bestand darauf, dass ich singe wie ein Schlagerbarde.

Herausgekommen sind die beiden Schmalzlieder.“ Auf der A-Seite schmachtete Dörfel im Foxtrott: „Das kann ich Dir nicht verzeih’n“, und auf der B-Seite forderte er in einem Tango: „Erst ein Kuss.“ Obwohl sich die Scheibe immerhin 20.000-mal verkaufte, war Dörfel nicht zufrieden: „Das Problem war: Ich habe seit jeher eine sehr hohe Stimme, und als ich das Stück einsang, sagte Schmidt ständig: ,Höher, höher!‘ Ich gehorchte, denn ich wollte unbedingt Musik machen, die Frauen standen ja auf so etwas. Am Ende klang ich aber wie ein Eunuch. Trotzdem: Ich bekam badewannenvoll Fanpost. Viele Briefe waren allerdings an ,Carla Dörfel‘ adressiert. Die dachten, ich wäre ’ne Olle. Dabei wollte ich doch klingen wie Elvis!“

… oder Balance-Künstler (Foto links: im September 2005 beim „Tag der Legenden“ am Millerntor).

 

#11 – Toupet

Zu Beginn seiner HSV-Zeit hatte Dörfel noch „die Haare schön“ und stylte sich – ganz Rock’n’Roller – mit der damals populären Elvis-Tolle. Bald musste er jedoch feststellen, dass ihm die blonden Haare gleich büschelweise ausfielen. Das höchst unwillkommene Erbe seines Vaters Friedo sorgte schon Anfang der 1960er Jahre dafür, dass sich die Reihen oberhalb der Stirn deutlich lichteten. Mitte des Jahrzehnts hatte sich die Haarpracht nahezu vollständig verabschiedet. Eine Entwicklung, die dem sensiblen Fußballstar mehr zusetzte, als er öffentlich eingestehen mochte. Ende der 1960er Jahre versuchte es Dörfel deshalb mit einem Toupet.

„Dafür gab’s damals einen Zweijahres-Werbevertrag, der mit 20.000 Mark dotiert war“, erinnert er sich. Am zehnten Spieltag der Saison 1969/70 wollte Dörfel im Gastspiel beim 1. FC Köln mit dem mit einer Klebefolie auf der Glatze fixierten Toupet auflaufen. Doch auch weil FC-Verteidiger Fritz Pott angedroht hatte, Dörfel das Haarteil während der Partie vom Kopf zu reißen, legte HSV-Trainer Georg Knöpfle sein Veto ein: „Dann ist es aus mit seinem Selbstvertrauen.“ So hat Charly Dörfel mit seinem Toupet stets nur trainiert, aber nie gespielt. Die Zuschauer grölten dann: „Ey, Glatze, wo sind Deine Haare?“ Und Dörfel wehrte sich gewohnt schlagfertig: „Ich erzähl‘ doch auch keinem, dass Du nur einen kleinen Pillermann hast.“ Dörfels Toupet kann heute im Volksparkstadion besichtigt werden. Als das HSV-Museum Anfang 2004 seine Pforten öffnete, stiftete der Stürmer seinen „Fiffi“ als ganz besonderes Exponat.

Zwischen diesen beiden Fotos liegt weniger als ein Monat: rechts Charly Dörfel im Dezember 1970 ohne Toupet, oben im Januar 1971 mit Haar-Ersatz.

Exponat des Monats im HSV-Museum:

Charlys »Fiffi«

In den heiligen Hallen der HSV-Historie erlebt man die Geschichte der Rothosen hautnah und zum Anfassen – ganz besondere Ausstellungsstücke inklusive. Wie zum Beispiel das legendäre Haarteil Charly Dörfels.

Im HSV-Museum gibt es viele Erinnerungsstücke aus Charly Dörfels aktiver Zeit. Allein die Tribünenbänke und Kassenhäuschen des Rothenbaum-Sportplatzes sind echte Highlights. Und auch Dörfel hat dem Museum seines Vereins etwas ganz Besonderes gestiftet: Sein Toupet, das einst selbst große Berühmtheit erlangte. Unser „Exponat des Monats“.

Öffnungszeiten
10 — 18 Uhr
(letzter Einlass ist um 17.30 Uhr)

Stadionführung
Mo. – So. 12, 14 & 16 Uhr
Nächste öffentliche Kinderführung
So., 29.09. 10.30 Uhr
Nächste öffentliche Museumsführung
Sa., 28.09. 11 Uhr

Kontakt HSV-Museum
www.hsv-museum.de
museum@hsv.de
Tel.: 040 / 4155-1550

Außenstürmer: Mit ordentlich Zug zum Tor auf links am Gegner vorbei (links und mitte: im April 1962 an Kölns Hans Sturm, rechts: im November 1963 an Schwedens Åke Johannson). 1965 adelte die französische Sportzeitung „L’Équipe“ den HSVer als „besten Linksaußen Europas“ – formidable!

Flankengott Dörfel (links: im November 1962 gegen Bergedorfs Dieter Vierkant, rechts: im Oktober 1963 gegen Werders Sepp Piontek): Abnehmer Uwe Seeler schwärmt noch heute: „Es gab keinen anderen Spieler, der in solcher Perfektion Flanken schlagen konnte. Er musste nur einmal kurz hochschauen, um zu erkennen, wo ich mich aufhielt. Dann kam die Flanke, so wie ich sie brauchte – ob kurz oder lang, ob auf den ersten oder zweiten Pfosten. Er hatte einfach das besondere Gefühl, auch in vollem Lauf richtig unter den Ball zu kommen und ihm den entscheidenden Dreh zu geben.“

Gert Friedo Dörfel in Zahlen

Außenstürmer: Mit ordentlich Zug zum Tor auf links am Gegner vorbei (Fotos: im April 1962 an Kölns Hans Sturm).

Hier im November 1963 an Schwedens Åke Johannson. 1965 adelte die französische Sportzeitung „L’Équipe“ den HSVer als „besten Linksaußen Europas“ – formidable!

Flankengott Dörfel (oben: im November 1962 gegen Bergedorfs Dieter Vierkant, unten: im Oktober 1963 gegen Werders Sepp Piontek): Abnehmer Uwe Seeler schwärmt noch heute: „Es gab keinen anderen Spieler, der in solcher Perfektion Flanken schlagen konnte. Er musste nur einmal kurz hochschauen, um zu erkennen, wo ich mich aufhielt. Dann kam die Flanke, so wie ich sie brauchte – ob kurz oder lang, ob auf den ersten oder zweiten Pfosten. Er hatte einfach das besondere Gefühl, auch in vollem Lauf richtig unter den Ball zu kommen und ihm den entscheidenden Dreh zu geben.“